Die Signaturenlehre, heute oft belächelt und als historischer Irrtum abgetan, wurzelt in einer tiefen Verbundenheit mit der Natur, die uns heute fremd erscheint und die wir uns kaum vorstellen können. In diesem Blog-Beitrag widme ich mich dieser alten Naturlehre und stelle dir das Echte Lungenkraut näher vor.
Wie entdeckten unsere Vorfahren die Heil- und Giftkräfte von Pflanzen?
Unsere Ahnen liefen nicht einfach hinaus und probierten wahllos jedes „Grünzeug“ in der Hoffnung, nicht auf eine tödliche Substanz zu stoßen. Während wir uns heute vielleicht auf Versuch und Fehler verlassen würden, besaßen die Menschen vor Tausenden von Jahren eine tiefere Verbindung zur Natur. Sie verstanden es, ihre Zeichen zu lesen und zu deuten.
Diese Zeichen – auch als Signaturen bekannt – spielten eine entscheidende Rolle beim Erfassen der Pflanzen in ihrer Ganzheit. Chemische Wirkstoffe waren damals noch unbekannt und auch nicht von Bedeutung. Stattdessen zählten das Aussehen, die Farbe, der Geruch oder die Form einer Pflanze ebenso wie ihr Standort, ihr Wachstumsverhalten und die Reaktion der Tierwelt auf sie. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der wilde Thymian: Ameisen erkennen seine antimikrobielle Wirkung und kultivieren ihn gezielt auf ihren Hügeln, was wiederum von Heilkundigen in früheren Zeiten beobachtet und analysiert wurde.
Früher war das aufmerksame Beobachten der Natur überlebenswichtig. Wer mit geschärften Sinnen wahrnahm, konnte wertvolle Rückschlüsse ziehen – eine Fähigkeit, die oft über Leben und Tod entschied.
Man nimmt an, dass bereits die Menschen der Steinzeit Pflanzen auf diese Weise erkundeten und ihre Wirkungen erforschten. Die Heilkunde – und mit ihr die sogenannte Signaturenlehre – ist seit der Antike und dem Mittelalter gut belegt. Doch erst Paracelsus (1493–1541) begann, Signaturen systematisch zu verfassen.
Nicht einmal die Christianisierung konnte diese Lehre unterdrücken – im Gegenteil: Sie integrierte sie in ihr Weltbild und bezeichnete sie sogar als die „Schrift Gottes“. Der deutsche Mystiker Jakob Böhme (1575–1624) betrachtete die Signatur als den „größten Verstand“. Seiner Auffassung nach offenbart jedes Lebewesen durch seine äußere Erscheinung seine inneren Eigenschaften und seinen Zweck.
In der Natur, so Böhme, gibt es nichts, das nicht seine wahre Gestalt und den „darin verborgenen Geist“ nicht offenbare.¹
Erwähnenswert ist auch, dass die Signaturenlehre aus einer Zeit stammt, in der der Mensch sich bewusst als Teil des gesamten Kosmos verstand. Der Glaube an eine verborgene, aber tiefgreifende Vernetzung zwischen Mensch, Natur und Gestirnen war fest verankert. Heute hingegen sind viele von uns weit davon entfernt, sich als Teil dieses großen Ganzen zu begreifen.
"In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe."
Johann Wolfgang von Goethe
Damals war es selbstverständlich, die Vorgänge in der Natur aufmerksam zu beobachten. Heute hingegen beziehen wir unser Wissen über Heilpflanzen meist aus Büchern – ohne sie je in der Natur gesehen zu haben. Dabei wachsen sie oft ganz in unserer Nähe, am Waldrand, an einem See oder auf einer Wiese, unbeachtet und doch voller Bedeutung.
Die Signaturenlehre heute
Jede Kultur der Welt hatte – und hat teilweise bis heute – ihre eigene Form der Signaturenlehre in Bezug auf Heilkräuter. Unbewusst folgen wir auch heute noch bestimmten „Zeichen“, wenn wir Neues mit bereits Bekanntem vergleichen und blitzschnell unsere Schlüsse ziehen. Zwar nutzen wir dieses intuitive Wissen kaum noch für Heilpflanzen, doch im Alltag hilft es uns, Menschen, Situationen und Landschaften zu erfassen und einzuordnen.
Mit der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution hat sich vieles verändert. Die Signaturenlehre scheint nicht mehr in unsere moderne Welt zu passen, in der Pflanzen fast ausschließlich nach ihren Inhaltsstoffen bewertet werden. Natürlich hat uns die Wissenschaft bahnbrechende – teils erstaunliche – Erkenntnisse gebracht und wird das auch weiterhin zum Wohle unserer Gesundheit tun.
Gleichzeitig wissen wir jedoch, dass viele überlieferte Heilmethoden bis heute wirksam sind. Nicht alle Heilwirkungen lassen sich allein durch die Analyse von Inhaltsstoffen erklären, denn die Wissenschaft hat bislang keine zuverlässige Methode entwickelt, um die komplexe Wirkung von Vielstoffgemischen und feinstofflichen Pflanzenkräften vollständig zu erfassen.
Raimann schreibt in seinem Buch Heilpflanzensignaturen (S. 102):
„Heute gilt es, die traditionellen Aspekte mit den modernen Erkenntnissen zu verschmelzen.
Nur mit dieser sinnvollen Verbindung kann die Natursinnigkeit ein tragender Pfeiler einer gesamtheitlichen Heilkunde werden.“
Kluge Worte eines Menschen, der die Pflanzen tief versteht und die Heilpflanzenkunde liebt.
Lerne die Zeichen zu sehen
Natürlich greife auch ich auf Bücher zurück, um mehr über die Inhaltsstoffe einer Pflanze, ihre Wirkung oder mögliche Giftigkeit zu erfahren. Doch bloßes Lesen reicht meinem kreativen Gehirn nicht – viele theoretische Erkenntnisse verschwinden schnell wieder aus meinem Gedächtnis.
Um mir das Wissen wirklich einzuprägen, muss ich hinaus in die Natur, die Pflanze in ihrem Lebensraum sehen, sie berühren, riechen und mich intensiv mit ihr beschäftigen. Erst durch diese direkte Erfahrung wird sie mir vertraut – und bleibt im Gedächtnis.
Eine Einladung zur Naturbeobachtung
Ich möchte dich zu einer kleinen Übung einladen.
Wichtig dabei: Nimm es spielerisch und kreativ – erwarte keine „Ergebnisse“.
🌿 Geh hinaus in die Natur
Lass dich von einem Naturphänomen finden – anstatt gezielt zu suchen. Vielleicht ist es eine kleine Pflanze, ein großer Baum, ein Tropfen Harz an einer Fichte, ein Samen oder ein Blatt.👀 Beobachte aufmerksam
Nimm dir Zeit, dein gewähltes Naturphänomen genau zu betrachten. Welche Farben, Formen und Strukturen erkennst du? Hat es einen besonderen Duft oder eine interessante Haptik? Fühlt es sich weich, rau, warm oder kühl an?🌱 Vertiefe deine Wahrnehmung
Welches Wesen steckt in dieser Pflanze oder diesem Objekt? Welche Stimmung oder Qualität strahlt es aus? Bevorzugt es schattige oder sonnige Plätze, feuchte oder trockene Böden? Welche Tiere oder Insekten stehen in Verbindung damit?💫 Gehe in Resonanz
Welche Empfindungen löst dieses Phänomen in dir aus? Erinnert es dich an bestimmte Gedanken oder Gefühle? Assoziierst du es mit einem Körperteil oder einem Organ?🔍 Deute die Zeichen
Falls du möchtest, gehe noch einen Schritt weiter: Welche Hinweise gibt dir die Natur durch dieses Phänomen? Lassen sich Parallelen zu menschlichen Eigenschaften oder Beschwerden erkennen? Welche Wirkung könnte diese Pflanze oder dieses Naturbild auf Körper, Geist oder Seele haben? Gibt es bekannte Anwendungen in der Heilkunde oder Mythen, die damit in Verbindung stehen?📖 Reflexion im Naturtagebuch
Halte deine Beobachtungen und Gedanken in einem Naturtagebuch fest. Vielleicht möchtest du eine kleine Zeichnung anfertigen oder ein Foto hinzufügen. Gibt es eine Botschaft oder Erkenntnis, die du aus dieser Begegnung mitnimmst? Wie könnte dieses Wissen dein Leben oder deine Gesundheit bereichern?🙏 Dankbarkeit und Abschluss
Bedanke dich bei der Natur für diese Erfahrung und die Einsichten, die sie dir geschenkt hat. Nimm dir einen Moment der Ruhe, bevor du zurückkehrst, und spüre nach, wie du dich fühlst.✨ Diese Übung hilft dir, die Sprache der Natur bewusster wahrzunehmen und die Signaturenlehre auf intuitive Weise zu erleben. Viel Freude beim Entdecken! 🌿
Das Gefleckte Lungenkraut (Pulmonaria officinalis)
Das Gefleckte Lungenkraut ist eine unscheinbare, aber faszinierende Schönheit am Wegesrand. Wer genau hinschaut, kann es früh im Jahr entdecken, denn als einer der ersten Frühlingsboten bietet es Insekten bereits ab März wertvolle Nahrung. Das Kraut selbst bleibt das ganze Jahr über sichtbar.
Sein Name deutet bereits auf seine traditionelle Heilwirkung hin: Pulmonaria leitet sich vom lateinischen pulmo (= Lunge) ab. Doch woher stammt diese Verbindung?
Hildegard von Bingen schrieb über das Lungenkraut:
„Aber der Mensch, dessen Lunge aufgeblasen ist, sodass er hustet und nur mühsam atmet, der koche Lungenwurz (womit Lungenkraut gemeint war) in Wein und trinke dies oft nüchtern, und er wird geheilt werden.“
Ein Paradebeispiel der Signaturenlehre: das Lungenkraut
Die Signaturenlehre betrachtet äußere Merkmale von Pflanzen als Hinweise auf ihre Wirkung. Das Lungenkraut liefert hierzu eindrucksvolle Beispiele:
- Blattstruktur und Fleckenmuster:
Die weiß gefleckten, spitz zulaufenden Blätter erinnern von der Form her an Lungenflügel. Heilkundige sahen zudem in den weißen Flecken eine Ähnlichkeit zu den Lungenalveolen oder sogar zu den Verfärbungen einer tuberkulösen Lunge – ein früher Hinweis auf die lindernde Wirkung der Pflanze bei Lungenkrankheiten. Tatsächlich wurde das Lungenkraut früher häufig bei Tuberkulose eingesetzt, um das Lungengewebe zu stärken und dessen Zerfall zu verlangsamen.

- Feine Härchen auf Blättern, Stängel und Knospen:
Der zarte Flaum auf der Pflanze erinnert an das Flimmerepithel der Atemwege. Interessanterweise weisen viele andere lungenfreundliche Pflanzen eine ähnliche Behaarung auf, etwa Königskerze, Salbei oder Eibisch. Zerreibt man im Frühling die Blätter des Lungenkrauts zwischen den Fingern, spürt man auch die Schleimstoffe, die auf ihre schleimhautregenerierende und auswurffördernde Wirkung hinweisen.
- Farbwechsel der Blüten – ein verborgenes Zeichen:
Besonders faszinierend ist der Farbwechsel der Blüten – eine Signatur, die sich erst bei wiederholter Beobachtung offenbart. Die Blüten beginnen rosa zu blühen. Nach der Bestäubung wechseln sie zu violett und schließlich blau. Dieser Farbwechsel entsteht durch eine chemische Reaktion: Der Blütensaft verändert sich von einem sauren Milieu (rot) zu einem alkalischen (blau). Diese Farbveränderung dient der Pflanze als Signal für Bestäuber: Rote Blüten enthalten noch Nektar, blaue hingegen nicht mehr – und werden daher ignoriert.
- Hier zeigt sich die Signaturenlehre in ihrer schönsten Entsprechung –
- Parallele zur Atmung:
Auch die Atmung beeinflusst das Säure-Basen-Gleichgewicht des Körpers: Schnelle Atmung (Hyperventilation) führt zu einem Abbau von CO₂, wodurch der pH-Wert im Blut steigt. Langsame Atmung (Hypoventilation) erhöht den CO₂-Gehalt, wodurch der pH-Wert sinkt. Dieses chemische Wechselspiel zeigt sich erstaunlicherweise auch in der Farbveränderung des Lungenkrauts.

- Erinnerung an das Blut im Lungenkreislauf:
Auch das Blut verändert je nach Sauerstoffsättigung seine Farbe: Sauerstoffreiches Blut erscheint hellrot, sauerstoffarmes Blut dunkler – eine weitere Parallele zum Farbspiel der Pflanze.
Heilwirkung und Anwendung heute
Bis in die 1940er-Jahre galt das Lungenkraut als eine der wichtigsten Heilpflanzen für die Atemwege. Heute ist es vor allem in der traditionellen Pflanzenheilkunde von Bedeutung. Besonders wertvoll ist der hohe Gehalt an Kieselsäure, Saponinen und Schleimstoffen, die sich positiv auf die Atemwege auswirken.
Innere Anwendung:
- Bei Erkältung, Atemwegserkrankungen, Bronchialkatarrh, Halsschmerzen, Heiserkeit, blutigem Husten, Reizhusten, Raucherhusten und Husten als Symptom einer Infektion mit Covid-19
- Harnröhreninfektionen, Blasenerkrankungen
- Eine polnische In vitro-Studie zeigte 2021 deutlich antioxidative Wirkungen von Extrakten aus Lungenkraut (Quelle: Heilpraxis)
Äußere Anwendung:
- Zur Wundheilung.
- In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird ein starker Zusammenhang zwischen Lunge und Haut betont – und so erklärt sich die Wirkung des Lungenkrauts auf beide Organe.
Das Gefleckte Lungenkraut zeigt eindrucksvoll, wie die Signaturenlehre funktioniert. Es offenbart seine Heilkräfte nicht nur durch seine Inhaltsstoffe, sondern auch durch Form, Farbe und Struktur. Ein wahres Wunder der Natur, das uns dazu anregt, genauer hinzusehen!
Entourage-Effekt
Der Entourage-Effekt beschreibt das Phänomen, dass die verschiedenen Inhaltsstoffe in einer Pflanze zusammenarbeiten, um die Gesamtwirkung der Pflanze zu verstärken oder zu modulieren. Dabei kann die Kombination der einzelnen Bestandteile eine stärkere oder ausgewogenere Wirkung erzielen, als es durch die einzelnen Substanzen allein der Fall wäre.
Beim Echten Lungenkraut ist es besonders spannend, dass es beruhigend und auswurffördernd wirkt: es schützt entzündete und gereizte Schleimhäute bei Reizhusten oder trockenem Husten, indem es sich wie ein schützender Film auf die Schleimhäute legt – der medizinische Fachbegriff für solche Pflanzen ist „Mucilaginosa“. Zudem enthalten die Saponine im Lungenkraut eine entkrampfende und auswurffördernde Wirkung. Sie lösen den Schleim und machen ihn flüssiger – diese Pflanzen werden in der Medizin als „Expektorantien“ bezeichnet.
Das Lungenkraut ist also gleichzeitig eine Mucilaginosa- und eine Expektorantien-Pflanze – eine erstaunliche Eigenschaft, die kein synthetisches Medikament hat. Je nach Zubereitung entfaltet die Pflanze ihre Wirkung auf unterschiedliche Weise.
Für detailliertere Informationen zu den Anwendungen und Zubereitungen des Lungenkrauts kannst du auf der ausführlichen Website der „Woidkräuterei“ mehr erfahren: Woidkräuterei Blog – Geflecktes Lungenkraut.
Feinstoffliches Wissen
Zum Abschluss möchte ich dir ein interessantes Video von der Pflanzenexpertin Adelheid Brunner empfehlen. Sie stellte mitten in der Corona-Zeit fest, wie das Echte Lungenkraut in ihrem Wald immer mehr wuchs – ein Zeichen dafür, dass dieses Kraut in jener Zeit besonders wichtig war.
Ob man daran glaubt oder nicht, es lohnt sich auf jeden Fall, die Augen offen zu halten für das, was in unserer Nähe wächst. Sind es „alte Bekannte“, sind manche Pflanzen verschwunden, neue hinzugekommen?
Noch einmal lassen wir Goethe, der die Natur eingehend studierte, sprechen:
"So ist Natur ein Buch lebendig, unverstanden, doch nicht unverständlich."
Je mehr wir uns mit diesen feinstofflichen Aspekten beschäftigen, desto stärker werden wir uns wieder als Teil des großen Ganzen fühlen.
Ich wünsche dir Entdeckerfreude, kindliches Staunen und viele „Pflanzenkräfte“.
Deine Annette
¹ Christian Raimann, Heilpflanzensignaturen, Haug-Verlag (Seite 22). Absolut empfehlenswert, wenn man tief einsteigen will in die Signaturenlehre und in die traditionelle Heilpflanzenkunde.
https://www.woidkraeuterei.de/blog/geflecktes-lungenkraut
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Kategorien:Allgemein, Gesundheit