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Ornitherapie – was bitte?

Die Kraft der Achtsamen Vogelbeobachtung.

Ornitherapie – ja das gibt es wirklich. Und es ist etwas Großartiges.

Doch ich fange einmal ganz vorne an.

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Anfrage, ob ich das Vorwort zu dem Buch „Die Kraft der Vogelbeobachtung“ schreiben möchte. Ich war natürlich total stolz über so eine Anfrage und setzte mich sofort mit der Autorin Dr. Angelika Nelson in Verbindung – wohlwissend, dass ich doch recht wenig über die Vögel weiß.

Doch darum ging es Angelika gar nicht. Vielmehr wollte sie gerne ein Vorwort, dass die achtsame Begegnung mit der Natur ganz allgemein beschreiben sollte. Und natürlich sagte ich daraufhin begeistert zu. Doch dabei blieb es nicht. Immer tiefer beschäftigte ich mich mit der „Kraft der Vogelbeobachtung“.

Gerade als ich mit Schreiben für das Vorwort beschäftigt war, hatte ich eine unglaubliche Begegnung mit einem Falken in Neuharlingersiel. Nachdem ich ihn am Deich gesichtet und beobachtet hatte, musste ich am nächsten Tag noch einmal unbedingt dorthin. Es war unser letzter Urlaubstag am Meer. Und ich hatte Hoffnung, ihn noch einmal zu sehen.

Ich lief am Meer und am Deich auf und ab, und hielt Ausschau.

Und da – er kam tatsächlich.

Er kreiste über dem Deich auf Suche nach einem Leckerbissen, den er auch fand und verspeiste. Anschließend setzte er sich auf einen Zaunpfahl – ganz in meiner Nähe. Ich wagte mich bis auf wenige Meter an ihn heran. Was für ein langer Moment! Die Zeit blieb stehen. Und interessanterweise gingen in naher Entfernung die Menschen auf dem Deichweg auf und ab und registrierten uns gar nicht.

Dieser Falke ziert nun die Startseite meines Smartphones und jedes Mal, wenn ich einen Blick auf dieses „digitale Gerät“ werfe oder werfen muss, erfreut mich sein Anblick und lässt mich für einen kurzen Augenblick innehalten (- und immer dann fragt er mich: „Musst“ du wirklich gerade jetzt das Smartphone öffnen?“).

Ein Falke hat es auch unter mein Vorwort im Buch geschafft.

In dieser Zeit lernte ich auch Holly Merker, die zweite Autorin kennen, die jedoch in Amerika lebt und dort bereits Bücher über die achtsame Vogelbeobachtung veröffentlicht hat. Ein sehr sympathischer Austausch über den „großen Teich“ hinweg begann, und damit vertiefte sich auch immer mehr mein Verständnis, was die Amerikaner genau unter „Ornitherapy“ verstehen. Denn dort ist dieser Begriff gar nicht fremd.

Holly Merker gibt Kurse in „Mindful Birding“ – also der achtsamen Vogelbeobachtung. Sie hat damit einen Waldbade-Spaziergang geschaffen, der die Vogelbeobachtung in die Praxis des Waldbadens einbezieht. Wir werden eingeladen, Bewegungen, Verhaltensweisen, Geräusche und Lieder der Vögel wahrzunehmen, um uns ganz mit der Natur um uns herum zu verbinden und somit in eine tiefe Ruhe zu kommen.

Sie sagt ganz wundervoll in ihren Veranstaltungen:

Das Wort Ornitherapie gibt es in Amerika und Großbritannien schon seit einiger Zeit. Es gibt dort immer mehr Menschen, die Vorteile für ihr Wohlbefinden erkennen, die sie aus dem achtsamen Beobachten von Vögeln ziehen.

Im British Journal of Medicine wurde Dr. A.F. Cox (London) erstmals 1979 erwähnt. Er erklärte damals, dass das Beobachten von Vögeln positive Auswirkungen auf seine Patienten habe, die wie ein Beruhigungsmittel seien, aber sicherer und billiger als alle Medikamente, die er verschreiben könnte. Während Dr. Cox den therapeutischen Wert des Beobachtens von Vögeln treffend betitelte, kann die Ornitherapie selbst viele Interpretationen haben, die auf individuellen Stilen und Vorlieben basieren.

Ornitherapie – so wie ich sie nun auch mit Angelika kennengelernt habe, kann man auch als eine Praxis der „Achtsamen Vogelbeobachtung“ definieren, und „Therapie“ möchte ich es hier gar nicht so gerne nennen, denn jeder und jede kann sofort in dem Erleben versinken und braucht dafür kein Rezept. 

Die Studien zur Achtsamen Vogelbeobachtung

Dennoch ist es erstaunlich, welche wissenschaftlichen Studien es inzwischen darüber gibt.

So konnten Wissenschaftler*innen nachweisen, dass Vogelgezwitscher von den meisten Menschen als angenehm empfunden wird, was vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass es im Laufe der menschlichen Evolution allgegenwärtig war. Hedblom et al. fanden dabei heraus, dass vielfältiger Vogelgesang mehr geschätzt wurde als nur wenige Vogelstimmen. Zudem kann Vogelgezwitscher die Erholung von Stress und die kognitiven Funktionen verbessern. Wanderer, die in der Natur eine hohe Vogelstimmenvielfalt hören, erfahren auf diesen Wegen ein größeres Wohlbefinden als auf Pfaden mit weniger Vogelgesang. (The phantom chorus: birdsong boosts human well-being in protected areas | Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences (royalsocietypublishing.org))

Wissenschaftler der Universität Exeter, des British Trust for Ornithology und der Universität Queensland haben herausgefunden, dass Menschen, die in Gegenden mit mehr Vögeln, Sträuchern und Bäumen leben, seltener an Depressionen, Angstzuständen und Stress leiden.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben gezeigt, dass Vogelgezwitscher Ängste und irrationale Gedanken reduziert. Ihre Ergebnisse sind in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Die tägliche Begegnung mit Vögeln

In der u.g. Studie konnte erfasst werden, dass alltägliche Begegnungen mit Vögeln mit zeitlich anhaltenden Verbesserungen des psychischen Wohlbefindens verbunden waren. Diese Verbesserungen zeigten sich sogar bei Menschen, die eine Depression hatten. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese Erkenntnisse sowohl auf den Umwelt- und Wildtierschutz als auch auf die psychische Gesundheitspolitik auswirken muss. Es sollten spezifische Maßnahmen ergriffen werden, die darauf abzielen, die alltäglichen Begegnungen mit Vögeln in städtischen Gebieten zu erhalten und zu verbessern.

(Smartphone-based ecological momentary assessment reveals mental health benefits of birdlife | Scientific Reports (nature.com))

Mehr Lebenszufriedenheit

Und eine weitere Studie kommt zu dem Schluss, dass der Reichtum an Vogelarten in ganz Europa positiv mit der Lebenszufriedenheit verbunden ist. Es wurde ein starker Zusammenhang festgestellt, was darauf hindeutet, dass die Auswirkungen des Vogelartenreichtums auf die Lebenszufriedenheit ähnlich groß sein könnte wie die eines guten Einkommens.

(Scientific Studies — The Mindful Birding Network)

Der große Nutzen von Vogelbeobachtungen in Pflegeeinrichtungen

Ganz aktuell ist die Studie direkt vor unserer Haustür:

„Alle Vögel sind schon da“ heißt ein Präventionsprojekt des LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V.) für Seniorinnen und Senioren in vollstationären Pflegeeinrichtungen in Bayern. Es soll durch regelmäßige Vogelbeobachtung das Wohlbefinden und die Lebensqualität der dort lebenden älteren Menschen steigern. Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt hat das LBV-Projekt wissenschaftlich begleitet und bestätigt nun die Wirksamkeit: „Unsere Daten zeigen, dass durch die Vogelbeobachtung besonders die kognitiven Ressourcen, die Mobilität und das soziale Wohlbefinden der Seniorinnen und Senioren gefördert werden“, so Prof. Elisabeth Kals. (Alle Vögel sind schon da – Stiftung Bayerisches Naturerbe (bayerisches-naturerbe.de)und LBV-Projekte in Seniorenheimen – LBV – Gemeinsam Bayerns Natur schützen)

So könnte ich sicher noch weitere Studien finden, die die positiven Auswirkungen von Vogelbeobachtungen belegen.

Doch wir wagen nun endlich mal den Sprung in die Praxis.

Ich lerne die Praxis kenne

So trafen Angelika und ich endlich nach vielen Telefonaten auch persönlich zusammen. Am 30. September 2023 in Rettenbach beim Hotel Gut Schmelmerhof. Wir hatten geplant am Morgen eine gemeinsame Veranstaltung mit Waldbaden und achtsamer Vogelbeobachtung zu machen. Am Mittag wollte Angelika einen kleinen Vortrag halten und dann nochmals mit uns in die Natur gehen.

Und wie geplant, so setzten wir das auch um.

Noch ein bisschen Waldbaden vorab

Pünktlich um 9:00 Uhr trafen wir uns auf der Terrasse des Schmelmerhofes. Manfred fragte noch die Gruppe, ob er Fotografien machen dürfte, denn Angelika hatte bisher noch kein Foto von ihren Veranstaltungen. Alle Teilnehmer*innen waren damit einverstanden. Wir wollten schon losgehen, als Angelika eine Bachstelze auf dem Dach des Hotels sah … ah, tatsächlich eine Bachstelze? So weit da oben? Der lange Schwanz und der wippende Gang des kleinen Vogels sei unverkennbar. Und als er uns dann noch seinen wellenförmigen Flug zeigte, war es ganz klar. „Daran erkennt man zweifelsfrei eine Bachstelze“, ließ uns Angelika wissen. 

Dann ging es los und ich war sehr gespannt, ob wir auch im Wald Vögel sehen würden, da viele doch hoch in den Baumkronen zu Hause sind. Es gab am Anfang ein bisschen Waldbaden, und dann lauschten wir schon den ersten Vogelgesängen. Wir lernten gleich, dass so ein Vogel ja nicht nur einen Gesang trällert. Da gibt es viele unterschiedliche Töne, eher Gesang, aber auch Schreie.

Ich verliebte mich ziemlich schnell in die Tannenmeise. Sie ist unsere kleinste Meise mit 10 bis 11,5 cm und meistens hoch in den Nadelbäumen unterwegs. Dazu ist sie noch unglaublich flink. Sie ist ständig in Bewegung und hüpft auf Futtersuche von Ast zu Ast. Ohne das geschulte Auge von Angelika, hätte ich sie nicht erkannt.

Seht ihr sie … die gut getarnte Tannenmeise

Während einer kleinen Solozeit, in der sich jede*r Teilnehmer*in einen ruhigen Platz suchen sollte, kamen wir alle zur Ruhe. Wir genossen sehr die einmalig gute Waldluft hier im Bayerischen Wald und hörten uns das Gezwitscher um uns herum an. UND: ganz wichtig – einfach mal, ohne die Art bestimmen zu wollen. Einfach so, einfach zum Genießen und einfach, um das gesamte Vogelkonzert wahrzunehmen.

Angelika in der Solozeit

Natürlich begegneten uns noch Eichelhäher und Buntspecht, oder das kleine Wintergoldhähnchen, das kleinste Vögelchen Europas. Es wiegt nur 4-8 Gramm und muss täglich so viel futtern, wie sein Eigengewicht, was heißt, dass es ständig unterwegs ist. Man sieht es kaum, aber sein Ruf ist laut und hoch, sodass man ihn mit ein bisschen Übung gut heraushören kann.

Kleiber und Baumläufer können sich übrigens an einem Baum sattfuttern. Für beide sind genügend Insekten vorhanden, denn der Kleiber frisst sich bei seinem Kopfüber-Weg von oben nach unten durch und der Baumläufer, der den Baum nach oben hinaufläuft, untersucht die Borke von unten nach oben. Beim Baumläufer musst du genau hinschauen, er ist perfekt in den Farben der Rinde getarnt.

Wer entdeckt den Baumläufer? Manfred hat ihn etwas ins Licht gehoben.

Während des Vortrags hat uns Angelika in angenehmer Art und Weise noch spannendes Wissen vermittelt. Danach erschien es mir gar nicht mehr so ganz unmöglich, Vogelarten auseinanderzuhalten. Wichtig, wenn man in der freien Natur Vögel erkennen möchte, ist ein gutes Fernglas.

Wir erfahren Wissenswertes und Spannendes zu unseren heimischen Vögel

Unser Nachmittags-Spaziergang ging hinauf zu einem Felsen mit einer herrlichen Aussicht. Bei dem Weg dorthin sind wir Markus Schmelmer gefolgt, der den Wald natürlich, wie seine Westentasche kennt. Beim Sonnenuntergang und Vogel- und Waldesstimmen lauschen wurden wir alle ganz andächtig. Die wilde Natur hatte uns komplett aufgenommen und die Vogelstimmen kamen uns immer klarer vor.

Das war ein großartiges Geschenk des Waldes und seiner Bewohner.

Auf dem Weg zurück entdeckten wir tatsächlich noch für einen ganz kurzen Moment den Zaunkönig, der sich am Morgen so flink im Astgestrüpp versteckt hatte, dass wir ihn nicht sehen konnten. Die Kleinen unter den Vögeln sind laut – das hatte uns Angelika schon erzählt. Und ja, auch der Zaunkönig schmettert kräftig sein „zrrrr“ und sein „teck-teck-teck“. Doch man bekommt ihn schwer zu Gesicht, da er meist in Bodennähe so flink wie ein Mäuschen durchs Unterholz huscht.

Beseelt kamen wir wieder am Schmelmerhof an.

Die Mischung aus Naturerleben, Ruhe, Lauschen, Entdecken und Wissensvermittlung war einmalig. Sie zeigte auch, dass Waldbaden gepaart mit Wissen ebenfalls Körper, Seele und Geist zur Ruhe bringt. Zumindest, wenn Wissen so sympathisch vermittelt wird, wie es Angelika macht.

Schade, dass Angelika so weit von mir weg im Bayerischen Wald wohnt. Ich bin sicher, mit ihr würde ich öfters durch die Natur streifen. Aber wir werden uns auf alle Fälle wiedersehen. Und freue mich darauf, die Welt der Vögel immer wieder mit neuen Augen zu sehen (und hören natürlich).

Meine Vorwort zum Buch von Angelika und Holly „Die Kraft der Vogelbeobachtung“ beginnt mit folgenden Worten:

Wenn du magst, kannst du gerne einmal darüber nachsinnen (mein Vorwort gibt auch noch einige Impulse dazu), und vielleicht magst du uns an deinen Gedanken in den Kommentaren teilhaben lassen.

Und zum Schluss noch eine Übung aus meinem Buch „Auszeiten für die Seele“


Alle Fotos (bis auf den Falken): embe-foto Manfred Bernjus

Literatur:

Die Kraft der Vogelbeobachtung, Freya-Verlag, Dr. Angelika Nelson und Holly Merker

Gartenvögel – lebensgroß, Kosmos (nicht nur Gartenbewohner) Daniela Strauß

Ornitherapy, Holly Merker, Richard Crossley, Sophie Crossley (in englischer Sprache) Ornitherapy Book well-being through birds — Ornitherapy

Links

Ornitherapy

Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V. LBV – Gemeinsam Bayerns Natur schützen

Studien https://www.themindfulbirdingnetwork.com/scientific-studies

Mindful Birding: The Mindful Birding Network

Vogelbeobachtung Deutschland: Vogelbeobachtung | Birdwatching in Deutschland

Vogel und Natur Vogel & Natur (vogelundnatur.de)

Hotel Gut Schmelmerhof

4 replies »

    • Liebe Kerstin, danke für deinen Kommentar und deine „Bestätigung“, dass es einfach wunderbar und entspannend ist, den Vogelstimmen zu lauschen. Ich finde es auch klasse, dass sie uns übers ganze Jahr direkt vor der Haustüre begrüßen.
      Ich kann nur allen lieben Leser*innen sagen: #machseinfach
      Liebe Grüße in den Süden (da hörst du bestimmt nun auch ganz neue Töne 🙂 )

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  1. Liebe Annette,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Ich liebe Vögel!

    Als ich ein Kind war, schenkte mir mein Vater mal ein Kinder-Sachbuch über Vögel. Ich habe es wieder und wieder und wieder gelesen. Und war jedesmal glücklich, wenn ich morgens im Bett die Tauben gurren hörte oder den Kuckuck im maigrünen Wald. Oder wenn im Frühling ganz in der Frühe die melancholischen Lieder der Amsel direkt in mein Herz hineinklangen.

    Das ist bis heute so geblieben. Auch wenn ich jetzt in der Stadt lebe. Aber auch hier gurren Tauben. Und singen die Amseln, Rotschwänzchen und Nachtigallen.

    Ich habe mir das Buch über die Kraft der Vogelbeobachtung direkt bestellt und freue mich darauf, kleine „Vogel-Momente“ in meine zukünftigen Waldbaden-Kurse einzubauen.

    Liebe vogelverliebte Grüße aus Leipzig:)

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    • Liebe Karen, oh das klingt ganz wundervoll. Es ist so schön, wenn man als Kind völlig frei von Erwartungen und Gedanken einfach in die Natur eintauchen kann. Und mit den „wilden“ Vögeln sogar mitten in der Stadt. Das Buch ist wirklich großartig und wird dir viele eigene schöne Momente schenken und solche, die du an deine Teilnehmer/innen der Kurse weitergeben kannst. Viel Freude damit und liebe Grüße zurück nach Leipzig.

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