Der Kakteenweg bei Kastelbell-Tschars im Vinschgau / Südtirol weckt alle Sinne.
Auf den Wegen des Vinschgaus begleitet uns oftmals ein leises Rascheln am Boden. Es sind die flinken Eidechsen, die als kleine Sonnenanbeter die Wärme über alles lieben. Werden sie bei ihrem Sonnenbad gestört, huschen sie blitzschnell in einen Mauerspalt, nur, um kurze Zeit danach wieder ihren Wohlfühlplatz in der Sonne einzunehmen.
Auch am Kakteenweg herrscht ein reges Treiben der Reptilien – und mit etwas Glück und noch mehr Geduld entdeckst du hier vielleicht sogar eine der seltenen Smaragdeidechsen. Ihre leuchtend-smaragdgrünen Schuppen glitzern in vielen Farbnuancen im Sonnenlicht und verleihen ihnen ein exotisches Aussehen.

Der Einstieg
Der Einstieg zum Kakteenweg, den man von der Tscharser Dorfmitte aus über die Klostergasse kurz nach dem Hotel-Restaurant Himmelreich erreicht, ist völlig unspektakulär.


Man könnte ihn, da er je nach Jahreszeit mit viel Grün zugewuchert ist, glatt „links liegen lassen“. Doch das solltest du auf keinen Fall tun, denn schon wenige Minuten nachdem man die ersten steilen Stufen des Weges erklommen hat, verschlägt einem im Sommer völlig überraschend der Anblick von hunderten strahlend-gelber Kakteenblüten den Atem.

Der Gewöhnliche Feigenkaktus (Opuntia ficus-indica) hat hier ganz offensichtlich ein Zuhause gefunden, worüber sich auch zahlreiche Bienen freuen. Die ovalen fleischigen „Blätter“ des Kaktus sind botanisch gesehen wasserspeichernde Triebe, die dafür sorgen, dass er mit den heißen und trockenen Sommer am Vinschger Sonnenberg bestens zurechtkommt. Im Winter braucht die Sukkulente vor allem Licht, was am kargen Berghang ebenfalls gegeben ist. Bis minus 20 ° C erträgt sie, doch das wird im Vinschgau selten erreicht. So sind alle Voraussetzungen erfüllt, damit die Pflanze sich wohlfühlen und gedeihen kann.

Ihre ursprüngliche Heimat ist Mexico. Nach Europa kam der Feigenkaktus mit den spanischen Konquistadoren.
Doch brachten die spanischen Eroberer den Kaktus auch nach Tschars?
Karin Rungg, die Gastgeberin des Hotels Himmelreich, erinnert sich noch lebhaft daran, wie sie seinerzeit als Kinder den Bergsporn als ihren „Abenteuerspielplatz“ erforschten. Die Vegetation auf dem trockenen, felsigen Boden war kümmerlich und bestand eigentlich nur aus blankem Boden und Gestein. Als Abenteuerplatz war er dennoch gut geeignet, denn der kindlichen Fantasie waren hier keine Grenzen gesetzt.
Bis dann vor ca. 30 Jahren eine pflanzenbegeisterte Tscharser Bäuerin mit einem Feigenkaktus ihren Steingarten schmückte. Schon im darauffolgenden Jahr erkannte sie die Wachstumsfreude des Kaktus. Die überschüssigen Ableger wegzuwerfen war keine Option für die Pflanzenliebhaberin. Also setzte sie diese viele Jahre lang auf den nahegelegenen Hügel – und die Kakteen nahmen diesen Ort gerne an. Sie kamen und kommen mit der Hitze und der Dürre am Sonnenberg gut zurecht. Die Bäuerin ist längst verstorben, doch „ihre“ Kakteen leuchten weiterhin am Berg.
Karin Rungg lächelt nachdenklich:
„Wie wundervoll ist es doch, nachfolgenden Generationen eine blühende Landschaft als Erbe zu hinterlassen …“.



Der schmale Pfad schlängelt sich weiter in Serpentinen nach oben und führt durch steinige Passagen, in Fels gehauene Stufen und entlang sanfter Anstiege. Immer wieder bieten Aussichtspunkte spektakuläre Blicke auf das breite Tal der Etsch und die umliegenden Täler und Berge, die in der Ferne majestätisch aufragen, bis hinüber zur schneebedeckten südlichen Ortlergruppe.

Die Luft ist erfüllt vom Duft einer mediterranen Flora. Die zarte Felsennelke, der wilde Thymian und die seltene echte Gelbe Schafgarbe finden zwischen den Kakteen geschützte Plätze nahe am Boden. Auch ein Hauswurz bildet zum Gelb der Feigenkakteen einen wunderschönen rosafarbenen Kontrast, der Spinnweb-Hauswurz. Seine Samen können in feinen Poren oder Rissen von Felsen und Gesteinen Fuß fassen, wie man hier am Berg eindrücklich sehen kann. Ein Wachsüberzug und die sanfte Behaarung mindern die Verdunstung und reflektieren die Sonnenstrahlen. So sind für ihn die Wuchsbedingungen am heißen Fels kein Problem. Hummeln, Bienen, Fliegen und Falter besuchen ihn gerne.




Duftexplosion
Eine wahre Duftexplosion bietet der hier und da wachsende robuste Wacholder. Reibe einmal eine Nadel des Wacholders zwischen deinen Fingern.
Du wirst von dem intensiven harzig-herben Aroma mit der leicht süßlichen Note begeistert sein.

Die Flaumeichen
Sehr fasziniert bin ich auch von den widerstandsfähigen, knorrigen Flaumeichen, die sich an die extremen Bedingungen am Kakteenweg angepasst haben. Unter ihrem skurrilen Wuchs schenken sie dem Wanderer kühlenden Schatten. Der Stamm der Flaumeichen ist oft knorrig und robust, mit einer Borke, die tief gefurcht und rissig ist. Die Rinde hat eine graubraune Färbung und verleiht dem Baum ein urwüchsiges Erscheinungsbild. Wenn man genau hinschaut, sieht man an den Zweigen und jungen Trieben die feinen, weichen Härchen, was der Art ihren Namen „Flaumeiche“ gegeben hat.


Fast am Ende des Weges angekommen, ändert sich das Landschaftsbild noch einmal komplett. Man quert in der Nähe eines wasserführenden Waals einen lichten Edelkastanienhain mit den vielen lila Farbtupfern der „Nickenden Distel“. Das Taubenschwänzchen steckt seinen Rüssel gerne in die Blüte der Distel (danke Manfred für das tolle Bild links)


Nur wenig mehr als 600 Meter beträgt der Kakteenpfad, bei dem man ca. 90 Höhenmeter zurücklegt. Gerne würde ich noch weiter nach oben steigen. Es ist ein einzigartiger Weg, der alle Sinne belebt und die Seele berührt. Es ist mehr als nur eine kleine Wanderung am warmen Steilhang des Sonnenberges – es ist ein Mini- Abenteuer, das lange in Erinnerung bleibt.
Nach einer kurzen Rast auf „Broateben“ – was so viel heißt wie „Breite Ebene“ und damit die kleine natürliche Terrassenlage benennen soll – gelangt man auf dem Wanderweg 3 B zur Kirche und Dorfmitte nach Tschars zurück.

Wer die Eindrücke dieser einzigartigen Landschaft am Sonnenberg – dann jedoch ohne Kakteen, aber mit noch mehr herrlichen Fernblicken – weiter intensivieren möchte, folgt dem Schnalser Waalweg, der bis zum Sonnenhof und zu Reinhold Messners „Schloss Juval“ mit dem „Messner Mountain Museum“ führt.
Zurück geht es über den Stabner Waalweg und die Klostergasse wieder bis zur Dorfmitte von Tschars.
Du solltest feste Wanderschuhe anziehen und Trinken für unterwegs mitnehmen. Einkehrmöglichkeiten gibt es im Hotel-Restaurant Himmelreich, beim Sonnenhof und am Schloss Juval.
Nützliche Links (Empfehlungen ohne Bezahlung!)
Ein herrlicher Wohfühlort ist das Hotel-Restaurant Himmelreich am Wegesrand. Gut gestärkt geht es auf die Wanderung oder man gönnt sich zum Abschluss der Tour eine Einkehr auf der Sonnenterrasse (oder eben beides ☺)
Reinhold Messners Museum „Mythos Berg“ im Schloss Juval liegt auf dem Weg – ein Besuch lohnt sich allemal:
Messner Mountain Museum, Schloss Juval
Folge dem Link, und du findest meine Beschreibung des Weges auf Komoot zum leichten Nachwandern:
Wanderung mit Schloss Juval auf Komoot
Ich möchte gerne hier noch den Hinweis geben, dass man mit Pflanzungen aus dem eigenen Garten in die freie Natur natürlich vorsichtig sein muss. Teilweise ist es auch verboten. Und das aus gutem Grund, denn eine Pflanze aus dem Garten könnte sich draußen stark vermehren und die heimischen Pflanzen vertreiben. Im Fall der Feigenkakteen besteht derzeit am Sonnenberg kein Risiko der ungezügelten Verbreitung. Aber bitte beachtet, dass ihr immer achtsam auch mit Aussaaten in der freien Natur umgeht. Was vielleicht gut gemeint ist, kann in einigen Jahren ein Problem darstellen.
Bildnachweise: Titelbild, Nahaufnahmen Feigenkakteen, Felsennelke, Taubenschwänzchen: embe-foto Manfred Bernjus
Kategorien:"Waldbaden: klein und fein", Allgemein, Ausflugtipps, Entspannung