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Waldbaden – du warst doch einmal so leicht …

oder – wie der Wald doch wieder zur Kulisse wird.

Waldbaden ist im Kern etwas ganz Einfaches. Etwas Stilles, Natürliches, Achtsames. Es braucht dafür keine besondere Ausstattung oder Checkliste – nur ein bisschen Zeit, Offenheit und einen Wald. Doch genau diese wohltuende Leichtigkeit scheint immer mehr verloren zu gehen.

Denn was ursprünglich aus dem Bedürfnis entstand, wieder in echten Kontakt mit der Natur (und mit sich selbst) zu kommen, wird zunehmend formalisiert, reglementiert, kommerzialisiert. Waldbaden steht plötzlich auf Fitness-Programmen, wird zertifiziert und in Heilwälder verortet. Manchmal ist es auch einfach nur ein neues Etikett für alte Methoden. Oder ein weiteres Modul in einer Wellness-Kette.


Wir „Waldbader der ersten Generation“ waren stolz darauf, den Wald aus seinem Kulissen-Dasein herauszuholen und ihn auf die Bühne zu bringen. Doch genau das Gegenteil passiert gerade – der Wald wird wieder zur Kulisse.

 Wenn der Wald wieder zur Kulisse wird

Ich möchte drei aktuelle Beispiele teilen, die mir zeigen, wie wichtig es ist, den ursprünglichen Kern des Waldbadens nicht aus den Augen zu verlieren:

1. Der „Waldbaden-Erlebnispfad“ in Bad Nauheim

Schon der Begriff „Waldbaden-Erlebnispfad“ ist widersprüchlich. Baden bedeutet: sich in etwas hineinfallen lassen. Ein Erlebnispfad hingegen ist ein vorgegebener Weg mit Aufgaben, Informationen, Übungen – also mit Ziel, Richtung und Erwartung. Der Pfad in Bad Nauheim bietet zwölf Stationen auf rund vier Kilometern. Einmal unabhängig davon, dass 12 Tafeln eine Menge an Aufgaben bedeutet,  sind viele dieser Stationen kaum auf den jeweiligen Ort abgestimmt – Hauptsache, es passiert etwas. Doch Waldbaden ist kein Durchlaufprogramm. Es ist auch keine Aktivität zum „Abhaken“. Wer Waldbaden wirklich verstehen möchte, darf dem Ort zuhören und muss keinem Plan folgen. Hier wird den Menschen impliziert: ihr müsst dies und das erledigen, und das ist dann Waldbaden.

Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang, dass bereits Ende des 19. Jahrhunderts hier ein „therapeutischer“ Landschaftspark mit Holzhütten angelegt wurde, in denen man noch heute rasten kann. Damals durften die Menschen ganz ohne Aufgaben oder Vorgaben durch den Wald schlendern, einfach die Waldatmosphäre genießen und so gesunden.

2. „Waldbaden mit 14 Stationen“ – über 8 Kilometer

Vor einiger Zeit begegnete mir ein Angebot aus der Presse: Eine „Waldbaden-Expertin“ führt ihre Teilnehmenden auf einer Strecke mit 14  Stationen über acht Kilometer und rund 1000 Höhenmeter bergab. Das klingt eher nach einer sportlichen Tageswanderung als nach Waldbaden. Selbst bergab sind 1000 Höhenmeter fordernd – nicht nur für die Knie. Wie viel Zeit und Aufmerksamkeit bleibt da für ein stilles, absichtsloses Eintauchen in den Wald? Besonders dann, wenn man auch noch alle 14 Stationen machen soll. Ich bin nicht mitgelaufen – klar – und ja, es kann durchaus eine schöne Wanderung sein – aber warum wird das waldbaden genannt? Warum nicht einfach wandern, so wie früher. Auch bei diesem Angebot bekommen Menschen ein verdrehtes Bild vom Waldbaden.

3. Die „Achtsamkeitsmeile“ in Bad Orb

In Bad Orb soll – mit viel Geld und großem Engagement – der ganze Ort zum Waldheilbad werden. Klingt ja erst einmal gut, jedoch wirft bei mir schon die geplante „Achtsamkeitsmeile“, die man in 15–30 Minuten absolvieren soll, Fragen auf. Mit fünf festgelegten Stationen und einem Zeitrahmen wird genau das konterkariert, was Achtsamkeit eigentlich ausmacht: das Zeitlose, das Absichtslose, das Offene. Achtsamkeit kann man nicht durchlaufen – und sie hat auch keine Streckenlänge.

Wenn zu viel Geld in inszenierte Strukturen fließt, kann genau das entstehen, was man eigentlich vermeiden wollte: eine künstliche, vorgefertigte Erfahrung.

Und ich höre schon die Bäume flüstern:

„Ach, ihr Menschen … wir wussten schon immer, dass ihr ohne uns nicht leben könnt.
Schön, dass ihr es jetzt auch begreift.
Aber müsst ihr wirklich gleich wieder alles in Pläne, Konzepte und Projektanträge gießen?“

Der Wald als Kurmittel

Noch ein Gedanke dazu: In Bad Orb soll der Wald – ähnlich wie das Wasser – offiziell zum Kurmittel werden. Das klingt auf den ersten Blick nach Aufwertung, doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild. Ein Mittel dient einem Zweck. Und damit wird der Wald nicht mehr als eigenständiger, lebendiger Raum gesehen, sondern als etwas, das „wirken“ und „funktionieren“ soll. Der Mensch rückt ins Zentrum – und der Wald wird zum Werkzeug.


Doch Waldbaden ist keine Therapie im klassischen Sinn, keine Anwendung, keine Leistung. Die Kraft des Waldbadens liegt darin, Verbindung zur Natur zu schaffen. Wenn wir den Wald als „Heilmittel“ nutzbar machen, verlieren wir das, was ihn eigentlich so heilsam macht: seine Offenheit, sein Wesen – seine Freiheit.

Gegen Überforderung – für echte Tiefe

Diese Beispiele zeigen: Wir müssen achtsam bleiben, damit Waldbaden nicht zu etwas wird, das es nie sein wollte. Es braucht keine spektakuläre Kulisse, keine zwölf Übungen auf 4 Kilometern, keine Achtsamkeit im Vorbeigehen. Wer mit dem Wald in Verbindung treten will, braucht vor allem eines: Raum.


Ich selbst bilde als erste Deutsche seit 2017 Menschen darin aus – und ich sehe ihren großen Wert. Denn ihre Aufgabe ist nicht, ein Programm durchzuziehen oder Stationen abzuhaken. Sie „halten den Raum“ – sie achten auf das Gelände, die Zeit, die Gruppe. Damit die Teilnehmenden sich wirklich fallen lassen können. Sie setzen an den richtigen Orten die passenden Übungen (oder Einladungen). Es geht nicht ums Mehr, sondern ums Tiefer.

Auch das ist Planung – ja, jedoch eine besonders feine und achtsame. Sie geschieht im Stillen, fast unsichtbar.
Ein gutes Waldbad fließt dahin – ohne Eventcharakter, ohne Dramaturgie, ohne künstliche Höhen und Tiefen. Alles geschieht zur rechten Zeit.
Das ist die wahre Kunst einer guten Waldbaden-Kursleitung. Zurückhaltend, präsent, begleitend.


Lasst uns ehrlich bleiben

Waldbaden braucht keinen festen Ort, keinen zertifizierten Heilwald und keine „Stationen“ mit Logo. Es ist kein Event, keine Technik und kein Konsumgut. Gleichzeitig ist es auch keine „bessere“ Wanderung. Vielmehr ist es ein einfaches Sich-Verbinden – mit dem, was schon da ist. Oft reicht dafür schon ein kleiner Wald, ein stiller Pfad oder ein achtsamer Moment. Was nützt mir der „schönste“ Heilwald, wenn ich erst viele Kilometer mit dem Auto dorthin fahren muss? Leider entsteht durch die zunehmenden Berichte über neue Heilwälder der Eindruck, dass Waldbaden nur dort Sinn macht. Das ist jedoch schlichtweg falsch.

Mehr stille Wege, bitte.

Dem Wald ist es letztlich egal, ob wir ihn als Kulisse oder als Hauptakteur sehen – solange wir ihn respektieren, schützen und bewahren.
Problematisch wird es allerdings, wenn wir beginnen, Bäume zu fällen oder zu stutzen, weil rund um unsere „Stationsschilder“ angebliche Gefahren für die Menschen drohen – oder weil wir genau dort eine „Waldbadewanne“ aufstellen wollen. Dann wird es absurd. Wir beginnen zu kontrollieren – den Raum, die Natur, den Ablauf. Genau das, was wir Menschen so gerne tun.

Und genau das, wovon uns der Wald eigentlich heilen könnte.

Ich wünsche mir, dass wir das Waldbaden nicht in ein neues Regelwerk oder in die Waldtherapie pressen.  Sondern es als das lassen, was es ist: eine Einladung. An die Sinne. An die Seele. An das Leben. Gerade heute brauchen wir weniger vorgegebene Programme – wir brauchen mehr stille Wege, die wir selbst entdecken dürfen.


Ich freue mich über deine Meinung, deine Anmerkungen, wie du es gerade empfindest. Was machst du als Kursleiter:in, damit die Leichtigkeit erhalten bleibt?

Danke für deine Kommentare.


4 replies »

  1. Hallo und ein herzliches Dankeschön für diesen tollen Post.

    Mich nervt diese Kommerzialisierung und dieses „nur so“ oder „nur hier geht Waldbaden“ extrem, das ist alles so weit weg vom Grundgedanken.

    Ich habe das Glück, meine Angebote immer gut an die Teilnehmer anpassen zu können, weg von fest vorgegebenen Regeln oder gar 14km Dauerlauf durch den Wald.

    Mein Credo „nicht viele Kilometer in wenig Zeit, sondern wenige Meter in viel Zeit“ lässt sich hier ganz gut umsetzen.

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  2. Liebe Anett – genau so – viiieeeel Zeit für wenige Meter. Und es ist so heilsam, erfüllend und entspannend. Da brauche ich auch keine wissenschaftliche Zahlen. Jede:r merkt es doch, wie gut das unserer Seele und unserem Körper tut. Schön, dass du für „dein“ Waldbaden keine vorgegebenen Regeln brauchst und die Menschen so bestmöglich begleiten kannst. Liebe Grüße von Annette

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  3. Liebe Annette, ich bin heute noch sehr dankbar und demütig mit dir im Rahmen meiner Ausbildung den Wald achtsam, im Hier und Jetzt erlebt zu haben, einmalige Momente zu genießen und Entschleunigung zu erleben. Danke für diese wunderbaren und trefflichen Beitrag, denn es braucht nicht viel, gemeinsam sich fallen zu lassen im Wald. Lg Annette

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    • Liebe Annette, vielen Dank für deinen wertschätzenden Kommentar. Ja – es braucht nicht viel. Nur unsere Neugier und ungeteilte Aufmerksam für die Natur. Ich erinnere mich gerne an unsere gemeinsame Zeit 🌳. Liebe Grüße von (auch…) Annette

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