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Waldbaden trifft auf Sport – in der Akademie des Sports in Clausthal-Zellerfeld

„Sport“ – der Begriff gefällt mir eigentlich gar nicht so gut. Viele verbinden damit die langweiligen Sportstunden in der Schule oder die Sportmannschaften-Auswahl, bei der man immer bis zuletzt auf der Bank gesessen hat. Auch die vielen Sportverletzungen, die Bekannte oder man selbst sich im Laufe seines Lebens zugezogen hat, schrecken ab. Und nicht zuletzt enttäuschen die immer wieder auftauchenden Doping-Skandale beim Profisport. Wer mag da noch zuschauen, wenn man sich sowieso nicht sicher ist, ob bei den Leistungen nicht nachgeholfen wurde.

Da ist mir der Begriff „Bewegung“ doch schon viel lieber.

Natürlich, klar, kann Sport Spaß machen (und sollte das auch unbedingt!). Beim Sporttreiben verbindet man jedoch oft ein bestimmtes ehrgeiziges Ziel. „Einmal Marathon laufen im Leben – das wäre es“ … dabei steht nicht nur die Bewegung im Vordergrund. So ein Ziel will gut geplant sein. Und dann arbeitet man auf dieses Ziel zu. Ich habe es auch schon gemacht … es erfordert jede Menge Disziplin und Zeit. Wenn man durchs Ziel rennt, ist es tatsächlich ein irres Gefühl. Und man will mehr: das nächste Mal soll es eine bessere Zeit werden.

Bewegung

Bewegung heißt für mich die Freude an der Aktivität selbst – und zwar ganz bewusst  im hier und jetzt. Das kann Sport sein, wenn man es vernünftig macht und sich nicht permanent von der Stoppuhr bestimmen lässt. Das kann aber auch Gartenarbeit sein, Spielen mit den Kindern oder Enkelkindern oder einfach Spazierengehen.

Sich bewegen zu können, ist für mich Lebensqualität pur.

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Regen schadet nicht beim Waldbaden 🙂

Dennoch – dieses Mal zog es mich mitten in die Sportwelt der „Akademie des Sports“ in Clausthal-Zellerfeld. Ich wurde engagiert, um das Waldbaden in die Sportvereine zu bringen – für mich eine ganz besondere Freude, denn schon immer hatte ich das Gefühl, dass beides absolut zusammenpasst – Sport als Bewegung und Waldbaden als Stressbewältigung.

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Die Akademie des Sports in Clausthal-Zellerfeld

In diversen Studien wurde nachgewiesen, wie stressig nicht nur Wettkampfsport sein kann, sondern auch der allerorts beliebte Freizeitsport.

Die „Welt online“ berichtete bereits 2008:

„…Bei den immer beliebter werdenden Ausdauersportarten wie beispielsweise Langstreckenlaufen tun manche Hobbyathleten des Guten zu viel. Ärzte registrieren eine zunehmende Zahl von körperlichen Überlastungsschäden. „Besonders gefährdet ist der Fuß. Rund 70 Prozent aller Überlastungsbrüche kommen im Laufsport vor. Etwa jeder vierte Langstreckensportler ist betroffen“, berichtet Jens Brüntrup, Sportmediziner und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Bielefeld in der „Ärztezeitung“.

…….

Der Ehrgeiz, unter den Ersten im Ziel zu sein, trifft manche Sportler buchstäblich ins Herz, vor allem wenn sie nicht ausreichend vorbereitet sind. Schädigungen des Herzmuskelgewebes stellten US-Ärzte bei 40 Prozent von 60 untersuchten Marathonteilnehmern fest. Dabei handelte es sich um Amateurläufer, die beim Boston-Marathon, einem der größten Volksmarathonläufe in den USA, mitgemacht hatten.

Und sogar Nordic Walking wurde kritisch unter die Lupe genommen:

„…Der Stockeinsatz beim Nordic Walking führt nicht zu einer Reduzierung der mechanischen Belastung“, heißt es in der Untersuchung, welche die Forscher auf dem Jahreskongress 2006 der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatische Sportmedizin vorgestellt haben…“

Hier der ganze Artikel zum Nachlesen:

Wann Freizeitsport gefährlich ist

Gert von Kunhardt (ehemaliger Vize-Weltmeister im Fünfkampf) vom Präventologen-Verband warnte ebenfalls vor Jahren: „Mit zu viel Leistungsdruck trainieren wir unser Immunsystem kaputt. Wenn wir zu verbissen trainieren, schaden wir eher unserem Körper, als dass wir ihm nützen.“ Daher rät er einerseits zu mehr Bewegung im Leben, um Stoffwechselkrankheiten zu vermeiden, andererseits zu mehr Ruhe und Gelassenheit auch beim Sport. „Das Geheimnis von Fitness ist nicht in Intensität von Bewegung, sondern die Regelmäßigkeit…gefährlich ist nicht das Laufen, sondern der Ehrgeiz, innerhalb einer bestimmten Zeit ins Ziel zu kommen.“

Holger Schmitt, Leiter des Zentrums für sporttraumatologische Chirurgie an der Atos-Klinik Heidelberg bestätigt: „…der beste Schutz vor Verletzungen sei jedoch, den Körper bewusst und immer wieder neu wahrzunehmen…“.

Und da sind wir doch mittendrin im Waldbaden, bei dem es immer wieder darum geht, sich selbst bewusster und achtsamer wahrzunehmen.

Achtsamkeit im Sport – Leistungssteigerung im Blick

Leider ist das Thema Achtsamkeit beim Sport immer mit einer möglichen Leistungssteigerung verbunden. So findet man auf der Website der Humboldt-Universität in Berlin unter der Überschrift  „Achtsamkeit im Leistungssport“ folgenden Hinweis: „Das der fernöstlichen Tradition entstammende Konzept der Achtsamkeit findet auch in der Sportpsychologie zunehmende Beachtung. Achtsamkeit, so die Hoffnung, kann zur Steigerung der Konzentration beitragen und Flow-Erleben erleichtern – und schließlich die sportliche Leistung optimieren…“.

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Achtsam wahrnehmen – nicht nur sich, sondern auch die Natur

Waldbaden setzt beim Menschen selbst an

Waldbaden dagegen setzt erst einmal beim Menschen selbst an … was daraus wird, ist während des Waldbadens keine Sache. Hier „trainieren“ wir nicht, um gleich wieder ein Ziel zu definieren, das uns weiter, höher und besser werden lässt.

Gar nicht so einfach, dieses „ziellose“ Konzept an den Mann bzw. die Frau oder bei der Sportakademie an die Sportler, Übungsleiter und Vereinsmanager zu bringen.

Doch ich liebe diese Herausforderungen. Als jemand, der schon seit Kindheitstagen mit dem Sportverein verbunden ist, weiß ich auch, was Verantwortliche im Sportverein antreibt, warum sie diese Arbeit (oft ehrenamtlich) machen und was sie sich für ihre Vereinsmitglieder wünschen.

Auf unserem „Stundenplan“ viel Praxis und eigene Erfahrungen

Auf unserem Stundenplan stand natürlich viel Praxis. Am Freitagabend kam jedoch zuerst die Theorie dran: woher kommt das Waldbaden, was bringt es für den Körper, was verbirgt sich hinter dem Begriff überhaupt und wie kann so ein Waldbad aussehen. Die Teilnehmer*innen waren teilweise von weit angereist und müde. Und so war nach dieser Einführung Freizeit angesagt.

Mitten im UNESCO Weltkulturerbe

Die Sportakademie Clausthal-Zellerfeld liegt inmitten des UNESCO Weltkulturerbes „Oberharzer Wasserwirtschaft“. Die Oberharzer Wasserwirtschaft gilt als eines der weltweit größten vorindustriellen Energieversorgungssysteme. Diese Welterbestätte besteht aus 107 historischen Teichen, Gräben mit einer Gesamtlänge von 310 Kilometern und 31 Kilometern Wasserläufen. Vor mehr als 800 Jahren legten Zisterziensermönche im Harz dieses Wasserleitsystem an, um die Wasserkraft für den Bergbau in der Region nutzbar zu machen. Der Harz konnte sich so zu einer der bedeutendsten Bergbauregionen entwickeln. Noch heute findet man hier verschiedene Bergbaumuseen und kann sogar unter Tage gehen. Von den Teichen werden heute noch 65 gepflegt, was das Gebiet zu einer „Seen-Platte“ macht.

Ganz in der Nähe von Clausthal-Zellerfeld beginnt der Nationalpark Harz. 97 Prozent der Nationalparkfläche sind mit Wald bedeckt. Der Fichtenborkenkäfer macht den Bäumen hier allerdings schwer zu schaffen. Wer Genaueres dazu erfahren möchte, dem empfehle ich diese Seite:

Nationalpark Harz – Waldwandel

Am zweiten Tag der Fortbildung – alle waren nun fit und wach – konnten wir den Wald rund um die Sportakademie erkunden.

Waldbaden für den Sportverein

„Wie nun Waldbaden für (Vereins-)Sportler interessant machen?“ – diese Frage stand über meinem Programm.

Wir begannen zuerst einmal mit dem „Innehalten in drei Schritten“ – einer grundlegenden Übung aus der Achtsamkeitspraxis.

Und hier ganz klar auf dem Fokus, sich selbst zu spüren, seinen Körper, seine Gefühle und seine Atmung – im hier und jetzt anzukommen und nicht mit dem Hintergedanken, dadurch die nächste Bestzeit zu laufen.

Körperwahrnehmung für komplexe Bewegungen

Natürlich benötigt ein Sportler unbedingt eine gute Körperwahrnehmung, um komplexe Bewegungsabläufe ausführen zu können. Hier unter Bäumen und in der würzigen Luft fiel es allen jedoch leicht, ihren Körper besser zu spüren, ohne an das Wort „Training“ überhaupt zu denken.

Es folgten verschiedene Wahrnehmungsübungen für alle Sinne. Dazu ist der Wald der perfekte Übungsraum. Und da ich diesen Übungen immer gerne eine spielerische Leichtigkeit gebe, kamen die Teilnehmer*innen wiederum gar nicht auf den Gedanken, dass sie mit diesen Übungen ihre Leistung beim Sport steigern könnten. Es machte einfach nur Freude. Sie konnten sich fallenlassen und beim Aktivieren der Sinne den Alltag vergessen – und so ganz nebenbei stellte sich Erholung und Regeneration ein – so wichtig, wenn man dem Körper auch beim Leistungssport etwas Gutes tun will.

Ganz klar ist inzwischen, dass der Muskel  im Ruhezustand wächst.

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Regeneration pur

Waldbaden zur Regeneration

Beim Waldbaden, das wie eine Meditation wirkt, aktivieren wir unseren Parasympathikus – unseren Ruhenerv, der auch für viele Regenerationsvorgänge im Körper zuständig ist. Regeneration nach einer Trainingsphase oder gar einem Wettkampf ist fundamental wichtig, wenn der Sportler weiterhin gesund und leistungsfähig bleiben will.

Atmung

Die Atmung kam natürlich auch nicht zu kurz … ja wir atmen solange wir leben. Leider atmen wir allerdings meistens nicht besonders effektiv. Im stressigen Alltag wird unsere Atmung flacher und kürzer. Richtiges Atmen sorgt dafür, dass der über die Lunge aufgenommene Sauerstoff über das Herz-Kreislauf-System im ganzen Körper gut verteilt wird und uns wertvolle Energie liefert. Am effektivsten ist eine ruhige und gleichmäßige Atmung durch die Nase. So werden Schmutzpartikel aus der Luft gründlicher gefiltert als bei der Mundatmung, und die Luft wird auf Körpertemperatur erwärmt, was gerade an unserem Wochenende von großem Vorteil war. Hatten wir doch schon recht niedrige Temperaturen und böige Winde.

Atemübungen beginnen bei mir immer mit dem einfachen Wahrnehmen des Atemrhythmus. Später folgten das verlängerte Ausatmen, welches auch den Parasympathikus aktiviert, und das Wahrnehmen der Atempausen.

Die Qigong-Übungen am Nachmittag am Ufer des Unteren Eschenbacher Teiches vertieften nochmals auf einfach Art und Weise unsere Atmung.

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Der Untere Eschenbacher Teich

Gehmeditation im Sport – „geht“ das?

Der frühe Morgen des dritten Tages war der Gehmeditation gewidmet. Gehen und atmen – nicht mehr – nur gehen und atmen und vielleicht noch lächeln.

Gehen tun wir täglich. Kann ja nicht so schwer sein. Oder doch? Bei der Gehmeditation lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf das Gehen, das sonst im Alltag eher ganz unbewusst erfolgt.

Wir spürten in unsere Füße und wer wollte, konnte das auch barfuß machen. Und so wie Thich Nhat Hanh es einmal so schön gesagt hat, versuchten wir friedvoll zu gehen, sodass unter unseren Füßen nach jedem Abheben eine Lotusblume erblühen konnte.

Nun, ja das hat nicht immer ganz geklappt, und die Gedanken sind bei dem ein oder anderen ebenfalls abgeschweift. Dranbleiben am Üben lohnt sich dennoch. Die ruhige Gehmeditation kann man wunderbar zwischendurch beim Lauftraining einsetzen oder in der Sporthalle. Gehmeditation hat viele Vorteile: viele können beim Meditieren nicht stillsitzen und lernen so das Meditieren über die leichte Aktivität. Beim regelmäßigen Praktizieren erreicht man eine große innere Ruhe und geistige Klarheit. Und man sagt: der Gang wird so geschmeidig wie der eines Tigers – na, wenn sich das nicht lohnt.

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Gehmeditation in Stille

Etwas Theorie gab es zum Abschluss noch: welche Gesetze muss ein Übungsleiter beachten, der mit einer Gruppe in den Wald geht, wie sieht es mit versicherungstechnischen Fragen aus, was gehört in den Übungsleiter-Rucksack und wir kann ich im Wald Hilfe holen, wie plane ich eine komplette Waldbaden-Einheit oder wie kann ich Waldbaden in ein Vereins-Angebot integrieren?

Naturschutz beim Waldbaden und beim Outdoor-Sport

Auch Naturschutz ist uns wichtig und wurde von uns in verschiedene Richtungen diskutiert. Was bedeutet Waldschutz beim Waldbaden? Wie können Mountainbiker den Wald schützen? Wandern und Waldbaden ohne Spuren im Wald zu hinterlassen.

Prävention und Rehabilitation im Sportverein

Großes Potential sehe ich bei Präventions- und Rehabilitationsangeboten im Sportverein: Waldbaden senkt nachweislich den Blutdruck und den Blutzucker sowie die Stresshormone und stärkt dabei das Immunsystem. So ist es unter anderem eine gute Ergänzung in Herzsportgruppen, bei Sport nach Krebs oder bei Sport mit Diabetes.

Viele kleine Schritte …

Obwohl wir nur langsam liefen, waren wir am zweiten Tag, als wir von morgens bis abends draußen praktizierten,  fast 10 Kilometer auf Waldwegen unterwegs. Es ist richtig, dass Waldbaden nicht wirklich die Kondition trainiert oder den Muskelaufbau fördert. Jedoch bewegen wir uns dabei – und das ist für viele Bewegungs-Einsteiger schon mal eine gute Sache.

Das Herz bekommt eine Extraportion des herzschützenden Hormons DHEA ab und unser Immunsystem, das wir eventuell bei letzten Wettkampf stark beansprucht haben, kann sich im Wald erholen – die natürlichen Killerzellen erhöhen sich beim einfachen Aufenthalt unter Bäumen und werden aktiver.

So kann es dann gestärkt und gut regeneriert wieder in den Trainingsalltag gehen.

Mein Fazit:

Sport und Waldbaden ist eine hervorragende Kombination. Und es wäre schade, würden nicht mehr Vereine diese Chance ergreifen.

Mir haben die Tage in Clausthal-Zellerfeld besonders gut gefallen, da ich auf interessierte Teilnehmer*innen, nette Mitarbeiter*innen der Sportakademie und einen herrliche Natur im Harz getroffen bin. Ich bedanke mich, dass ich hier meine Idee einer Integration von Waldbaden in die Sportvereine leben durfte, besonders bei dem Leiter der Sportakademie in Clausthal-Zellerfeld, Jürgen Röbbecke.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

 

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Die „Blaue Kirche“ in Clausthal – die größte Holzkirche Deutschlands mit 1200 Plätzen

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Die Holzfassaden gibt es in Clausthal-Zellerfeld in allen Farben – so ist es recht bunt in dem kleinen Städtchen.

 

 

 

 

 

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