Allgemein

Alles ist Wandel – und das ist gut so.

Hier ist der Wald meiner Kindheit

und er ist bis heute einer meiner Lieblingswälder. Nichts Besonderes. Fichten, Buchen, ein paar Erlen und Birken. Jedoch ein kleiner Bach, der beständig sein Rauschen und seine Frische an die Umgebung abgibt. Ein Bach, an dem ich schon als Kind Staudämme gebaut und mit meinem Papa meine ersten Kräuter gesammelt habe. Später habe ich mich allein auf den Weg gemacht, um für meine Geburtstags-Maibowle das Maikraut hier zu sammeln.

Hier war ich schon, als ich noch gar nicht laufen konnte – und als ich dann sprechen konnte, sagte ich immer:

„Jetzt geht es ins Tunnel“ …

Wenn man zu einem Wald sagt, dass man in einem Tunnel verschwindet, dann muss er sehr dicht sein. Ja, hier wuchsen die Bäume oben zusammen. Es wurde richtig dunkel und als Kinder spielten wir hier „Räuber und Gendarm“.

Warum ich euch das erzähle?

Na, schaut euch mal dieses Foto an

1

Da ist nichts mehr von dem Tunnel, das für mich kein mulmiges Gefühl hervorrief, sondern einen geschützten Raum, gleich 5 Minuten von meinem zu Hause weg.

Hier ist eigentlich ein Mischwald. Aber am Eingang des Waldes gibt es zuerst ein Fichtenstück. Vor einiger Zeit gab es hier einen kleinen Windbruch. Das war nicht schlimm, es wachsen schon wieder Birken und sogar Fingerhut darauf … hier wächst sonst nirgendwo Fingerhut. Das Leben geht weiter.

Doch mein Blick fiel des Öfteren schon auf die Fichten am Rand des Windbruchs. Sie sahen nicht gut aus. Und es kam, wie es kommen musste: Nun wurde hier großflächig gefällt.

Mir blutete das Herz.

Plötzlich schien grell die Sonne dort, wo früher nur ein paar Sonnenstrahlen durch die Bäume schimmerten. Und die gefällten Stämme liegen nun schon seit einem halben Jahr hier herum, rutschen schon ab in das kleine Tälchen – es gibt zu wenige Mitarbeiter im Forst, und der lukrative Absatz ist natürlich kaum noch möglich bei dem Überangebot an Fichten derzeit.

IMG_2966.jpg

Heute jedoch gehe ich tapfer meinen Weg weiter – nicht durchs Tunnel, sondern durch die traurige Ödnis. Auf der linken Seite kommt gleich die Windbruchstelle. Heute sehe ich auch kleine Fichten kreuz und quer, die sich nicht unterkriegen lassen. Und dann komme ich in den Buchenmischwald.

Hier ist alles wie immer. Die Buchen stehen jetzt im Winter grau, Stamm an Stamm. Das Rauschen des Bachs am Fuß des kleinen Tals neben mir, begleitet meinen Weg – ich muss daran denken, dass dieses Rauschen nun schon seit 58 Jahren eigentlich an seinem Rauschen nichts verändert hat. Also zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass es früher anders geklungen hätte.

Und doch auch hier Wandel – es ist nie das gleiche Wasser, immer und immer strebt neues Nass der Mündung im Schwarzbach zu, und dann geht es in den Main, in den Rhein und in die Nordsee … nachdenklich schaue ich eine Zeitlang ins Wasser. Was es noch für eine Strecke vor sich hat.

Weiter geht mein Weg. Und ich staune …

In der Ferne leuchtet ein grüner Fleck. Auf den Buchenstämmen am Boden ist auch grün. Doch dieser Fleck dort oben ist „anders grün“. Großflächig mit vielen Schattierungen. Und ich wundere mich, wo diese Leuchtkraft herkommt, denn die Sonne versteckt sich hinter den Wolken. Die ist es nicht, die das Leuchten zustande bringt.

Ich gehe weiter, der Fleck wird immer größer: es ist das Waldstück, das im zeitigen Frühjahr ebenfalls abgeholzt wurde. Ein bisschen Sturmschaden und ein paar kräftig gewachsene Fichten mussten ebenfalls weichen. Im Sommer sah es hier zum Fürchten aus: Kahlschlag und tiefe Furchen in den Wegen von den monströsen Fahrzeugen der Forstwirtschaft.

Ich hatte diesen Teil des Waldes die letzte Zeit weitestgehend gemieden – und nun begrüßt mich an diesem grauen Wintertag ein sprießendes Grün, die Pflanzen scheinen mich fast anzuschreien: „Schau mal, was wir in den letzten Wochen geschafft haben. Wird wirklich Zeit, dass du dir das mal anschaust“.

IMG_3003

 

IMG_2990.jpg

„Oh ja, ich komm ja schon“ rufe ich zurück. Habe ich das jetzt echt laut gerufen? Macht nichts, ich freu mich so, diesen Wald hier so herrlich grün vorzufinden. Die Furchen in den Wegen sind kaum mehr zu sehen. Auch hier ist alles grün. Natürlich ragen da noch die Wurzelballen in die Luft – aber nicht mehr anklagend, sondern eher mutig und abwartend, wer und was sich nun hier einnisten will und was darauf noch wachsen will.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ich muss hierbleiben, und suche mir ein Plätzchen, um zu schauen und zu hören. Ich bekomme sogar ein Vogelkonzert (sozusagen mit Begleitung, denn auch hier plätschert ein Rinnsal).

Alles ist im Wandel, ja. Das Thema passt sogar zu dieser Woche, da sich das Jahr 2019 dem Ende zuneigt.

Alles ist Wandel – und wir brauchen uns davor nicht zu fürchten.

Das sagt mir der Wald gerade. Ich weiß nicht, was unser Forst hier noch vorhat. Aufforsten (viel Platz ist ja sowieso nicht) oder einfach mal ruhen lassen (ich besuche den Förster; er freut sich immer, wenn ich mal wieder mit einer „neuen Idee“ vorbeikomme 😊).

Doch egal wie sich der Forst entscheidet, dieser Platz im Wald ist richtig wild geworden, und ich möchte mich kaum trennen.

 

Auf dem Rückweg komme ich wieder durch mein ehemaliges „Tunnel“. Ich werfe einen Blick auf die abgeholzte Fläche am Wegesrand. Ich finde es gerade gar nicht mehr so gruselig wie vor zwei oder drei Stunden (wie lange war ich eigentlich oben auf dem grünen Fleck?).

Der Wald wird hier nie wieder so sein, wie er zu meiner Kindheit war. Einfach lächerlich, denke ich, darüber zu trauern.

Ich werde ja auch nie wieder Kind sein, das hier mit seinen Freunden spielt oder mit seinem Papa Staudämme baut. Diese Zeit ist einfach herum. Die Erinnerung daran bleibt wundervoll bestehen und auch der Begriff „Tunnel“ – ich werde ihn einfach weiterverwenden. War ja sowieso nichts Offizielles 😊

Es wird einen anderen Wald geben als zu meiner Kindheit.

Meine Traurigkeit ist verflogen. Ich werde aufmerksam verfolgen, wie es hier weitergeht. Was wird wachsen, vielleicht gelingt es ja, den Forst davon zu überzeugen, dass man auch hier einfach mal nichts machen sollte. Es ist ein steiniger Hang und schwer zugänglich. Nicht unbedingt ein Lieblings-Anbaugebiet für Forst-Bäume, wie ich finde. Vielmehr ein Spielplatz für alles, was hier ans Licht strebt.

Also doch Spielplatz?

Gefällt mir diese Vorstellung – kein Spielplatz mehr für mich, aber für alle Pflanzen, die hier wachsen wollen.

Ich gehe mit einem guten Gefühl nach Hause: alles ist Wandel.

Und nur der lebt wirklich, der das begreift.

In diesem Sinne wünsche ich all meinen Leserinnen und Leser einen besinnlichen Jahresabschluss und ein glückliches, gesundes Jahr 2020. Vielleicht sehen wir uns ja mal im Wald.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s