Absichtslosigkeit

Wie absichtslos ist Absichtslosigkeit?

Oder:

Was es heißt, absichtslos in den Wald einzutauchen.

Waldbaden ist das achtsame und absichtslose Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes – so jedenfalls die Erklärung, die wir Waldbader gerne geben, wenn es darum geht, das Waldbaden zu beschreiben.

Doch was hat es denn mit dieser „Absichtslosigkeit“ auf sich? Kann man überhaupt irgendetwas machen, ohne eine Absicht zu haben? Was bringt denn Absichtslosigkeit? Oh, halt, wenn es etwas bringen soll – dann ist es ja nicht mehr absichtslos – oder? Und was wird sein, wenn Waldbaden doch einmal von Ärzten zur Stressbewältigung und Immunstärkung verschrieben werden kann – ist Waldbaden dann noch absichtslos?

Tja, du siehst, ich habe mir über die Absichtslosigkeit beim Waldbaden wirklich viele Gedanken gemacht.

Anfangs war das eigentlich nicht so. Doch inzwischen, da es überall und in jeder Waldesecke ein Waldbaden-Angebot gibt, schaue ich gerne genau hin. Ist das, was da angeboten wird, wirklich absichtslos, fragte ich mich. Und dann kam natürlich gleich bei mir die Frage auf, was ist denn Absichtslosigkeit überhaupt.

Viel einfacher zu erklären, scheint mir das Gegenteil: wenn ich etwas absichtlich tue, dann steht dahinter mein fester Wille auf Erfolg, ein zielführender Plan, eine Richtung, die ich bewusst und konzentriert einschlagen will. Das ist natürlich eine gute Sache, wenn ich etwas verwirklichen möchte. Wenn ich beispielsweise ein Buch schreiben möchte, dann brauche ich einen Plan, in dem ich genau festhalte, über was ich schreiben will, wann es fertig sein soll, wie es aussehen soll … Habe ich nicht diese feste Absicht, ein Buch zu schreiben und bleibe ich nicht konzentriert bei der Sache, wird es dieses Buch nie ans Licht der Öffentlichkeit schaffen.

Nur mit Plan sein Ziel erreichen

Natürlich kann absichtsvolles Handeln zu Stress führen. Allein an meiner Wortauswahl kann man das festmachen: Wille, Erfolg, Plan, Ziel, Konzentration … Puuh, da wartet eine Menge Arbeit auf einen. Andererseits, wenn das ganze Projekt schließlich gelungen ist und wir die Lorbeeren einstreichen können, dann ist der Stress meistens auch wieder vergessen. Und er wird auch nicht chronisch, wenn wir uns dann die verdiente Auszeit gönnen.

Und diese Auszeit könnte ja nun darin bestehen, mal eine Zeitlang völlig absichtslos durch den Tag zu gehen und alle Dinge nur um ihrer selbst willen zu tun.

Also ohne, dass ich vorher schon überlege, welchen Erfolg Mein Tun haben wird.

Im Wald kann man das gut probieren – einen Waldspaziergang einfach so, völlig absichtslos. Wie Waldbaden eben sein sollte. Doch was heißt das nun bei meinem Waldspaziergang?

Absichtsloses Tun – ich tue etwas, um seiner selbst willen… Also ich gehe nicht in den Wald, damit ich hinterher entspannt bin, meinen Kopf frei bekomme, Sport treibe oder über etwas nachdenke …

Nein, ich bade im Wald, nur um waldzubaden …

Im Wald baden – einfach so …

Das hör sich doch gut an: denn dann bin ich ganz im gegenwärtigen Moment.

Ich habe kein Ziel vor Augen, keinen Plan im Kopf, keine Erwartungshaltung.

Es ist dabei völlig egal, wohin ich gehe oder wie ich mich später fühle. Denn an das Später denke ich gar nicht.

Im Blog der Tao-Mediationsgruppe Wettingen lese ich diese Worte über die Absichtslosigkeit:

Es ist nicht nötig, dass wir uns ein Ziel setzen und ihm nachjagen…

Wir haben schon alles, wonach wir suchen; wir sind schon das, was wir werden wollen…

Absichtslosigkeit lässt uns erkennen, dass es uns an nichts mangelt, dass wir das schon sind, was wir zu werden hoffen, und all unsere Mühe hört einfach auf. Wir finden Frieden im gegenwärtigen Augenblick und nehmen nichts anderes wahr als Sonnenlicht, das durch unser Fenster flutet, oder auch das Rauschen des Regens. Wir brauchen nicht länger hinter irgendetwas herzulaufen…“

https://taozazen.wordpress.com/2010/05/15/absichtslosigkeit/

Ja, das ist es: wir nehmen wahr, alles was um uns herum ist, den Regen, den Sonnenschein, das Zwitschern der Vögel oder auch das Brummen der Automotoren in der Ferne.

Wahrnehmen ist ganz sicher ein Schlüssel zur Absichtslosigkeit. Wahrnehmen, ohne es zu bewerten. Der Autolärm gehört nicht in den Wald, doch nun ist er da. Ich kann mich ärgern. Es ändert aber nichts an der derzeitigen Situation. Wahrnehmen ohne Bewertung, das kennen wir auch aus der Achtsamkeitspraxis. So liegen Achtsamkeit und Absichtslosigkeit nah beieinander.

Ist Absichtslosigkeit wirksam?

Eigentlich möchte ich die Frage nach der Wirksamkeit der Absichtslosigkeit gar nicht aufgreifen … denn wo bleibt da nun wieder die Absichtslosigkeit? Ich will es dennoch hier in diesem Blog-Artikel  tun.

Und am liebsten mit den Worten von Cornelius von Collande:

„…Das ist es auch, was der amerikanische Gestalttherapeut Arnold Beisser, bereits Mitte des letzten Jahrhunderts, mit seinem sogenannten „Paradoxon der Veränderung“ beschreibt: „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.“ Beisser hat also erkannt, dass Veränderung dann geschieht, wenn wir nicht mehr zwanghaft versuchen uns zu ändern, sondern erstmal annehmen, was sich in diesem Moment zeigt.

Genau da setzt dann das Wachstum, die heilende Veränderung ein. Es handelt sich dabei um eine prozessorientierte Haltung, im Gegensatz zu der in unserer Gesellschaft üblichen Zielorientierung…“

Hier findest du den ganzen interessanten Vortrag von ihm: „Achtsamkeit und Zen –

http://www.collande.eu/index.php?cat=16_Ver-ouml~ffentlichungen-nbsp~-nbsp~Vortr-auml~ge-nbsp~Downloads

Heilung beginnt durch Wahrnehmen des Augenblickes – ohne, dass wir darüber nachdenken müssen, was wir alles ändern müssen, damit wir entspannter leben, Stress besser bewältigen, in unserer Mitte ankommen, unser Immunsystem stimulieren …  oder wie wir Waldbaden machen müssen, damit wir gesünder werden.

In dem Moment, wo ich darüber nachdenke, ob ich waldbaden „richtig“ mache, ist es schon nicht mehr absichtslos.

Absichtslosigkeit gibt uns Freiräume, in denen wir uns entfalten können und in denen wir spielen können. Ja, spielen. Ich „spiele“ gerne im Wald.

„Spielen ist Dünger für das Gehirn und Kraftfutter für Kinderseelen.“, sagt Neurobiologe Gerald Hüther.

Und für uns Erwachsene gilt, dass sich die Aktivität im Mandelkern (Amygdala) verringert, also der Hirnregion, die unter anderem bei Angst aktiv wird. Ist das nicht herrlich: spielerisch und im besten Falle selbstvergessend entspannen wir beim Im-Wald-sein. In diesem Moment nehmen wir uns an, wie wir sind und nicht wie wir uns vorstellen, wie wir sein sollten.

Im kreativen Tun sich selbst vergessen

Und glücklich werden wir dabei auch noch. Thich Nhat Hanh schreibt zur Absichtslosigkeit:

„…Absichtslosigkeit ist die übliche Übersetzung des Sanskrit-Begriffs apranihita, … Man versteht darunter eine Haltung, in der man keine Ziele mehr anstrebt. Glück kann nicht durch das Erreichen von Zielen,- welcher Art auch immer,- erlangt werden. Es kann nur im gegenwärtigen Augenblick erlebt werden. Dazu braucht es keine Vorbereitung, sondern nur einen klaren Geist und ein offenes Herz. Man sagt deshalb: „Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich sein ist der Weg.“

Absichtslosigkeit bedeutet nicht Faulheit oder Trägheit. Man erwartet von einem in Absichtslosigkeit lebenden Menschen, dass er seine Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Wohle aller Wesen einsetzt. Dabei ist er frei vom Verlangen, einzelne Ziele zu erreichen…“

https://intersein.de/glossar.html

Wie ist das also nun mit dem Waldbaden … wieviel Absichtslosigkeit steckt noch in Angeboten wie „Stressbewältigung durch Waldbaden“, „Dem Burnout entgehen mit Waldbaden“ oder gar im Begriff „Waldtherapie“, der ja hin und wieder gleichbedeutend mit Waldbaden benutzt wird. Oder was wird sein, wenn der Arzt künftig Waldbaden, 3 Mal die Woche à 45 Minuten „verschreibt“, damit der Blutdruck sinkt?

3 Mal wöchentlich Waldbaden - vom Arzt verschrieben ...
3 Mal wöchentlich Waldbaden – vom Arzt verschrieben – absichtslos?

Natürlich werden Menschen nur wegen solcher Angebote zum Waldbaden kommen, denn sie wollen ja etwas „lernen“, etwas „mitnehmen“, etwas „Sinnvolles machen“, das einen Zweck hat.

Doch bleibt da nicht die Absichtslosigkeit auf der Strecke?

Oder andersherum gefragt: wie mutig muss ein Waldbaden-Kursleiter oder eine Trainerin sein, der oder die das Waldbaden „nur“als „absichtsloses Tun“ anbietet?

Letztens fing ich bei einer Zusammenkunft mit Ärztinnen und Ärzten an, über das Spielen beim Waldbaden zu reden. Upps – da hatte ich wohl voll daneben getroffen. Zumindest hat man mich sanft unterbrochen, man wollte lieber die „wissenschaftlich nachgewiesenen“ Fakten des Waldbadens serviert bekommen.

Ja, prima, die gibt es ja auch. Und ich finde es großartig, was die Wissenschaft festgestellt hat, was in unserem Körper messbar passiert, wenn wir in den Wald gehen. Das ist ja auch alles einfacher zu begreifen als die Philosophie der Absichtslosigkeit, die eigentlich im Waldbaden steckt.

Weltmeiser der Absichtslosigkeit

Wir wollen ja gar keine „Weltmeister in Absichtslosigkeit“ werden – das wäre dann wiederum eher ein sehr absichtliches – noch dazu abgehobenes – Ziel. Ich möchte nur ein bisschen dafür plädieren bei allen wissenschaftlichen Erfolgen, die das Waldbaden inzwischen aufweisen kann, nicht die andere Seite zu vergessen.

Die Seite des Eintauchens in die Waldatmosphäre, um dabei sich selbst zu vergessen, jeden Zweck zu vergessen, jede Anstrengung zu vergessen … um irgendwann wieder aufzutauchen bis zum nächsten Abtauchen – sollten wir vielleicht künftig lieber Waldtauchen sagen?

Noch ein paar Anregungen

Zum Abschluss noch ein paar Anregungen, wie du absichtslos durch deinen Wald streifen kannst.

  • Nimm ein Kind mit und lass dich von ihm durch den Wald führen.
  • Gehe kreuz und quer durch den Wald, ohne zu wissen, wohin dich dein Weg führt. Lass dich leiten von den Dingen, die du am Waldboden, an den Stämmen, im Moos entdeckst (dabei solltest du dich sehr gut in diesem Wald auskennen !).
  • Meditiere auf einem Baumstumpf – nein, du musst nicht meditieren „können“, setze dich einfach hin, lass deine Gedanken ziehen, genieße den Wind, die Stille, die Sonne … was eben gerade ist. Schließe die Augen oder lasse sie auf – nichts ist verkehrt oder richtig. Spüre die Leichtigkeit – denn du hast nichts zu tun, niemand will etwas von dir. Kommen Gedanken, lasse sie ziehen … du kannst ihnen vielleicht sagen, dass du dich später um sie kümmerst.
  • Mache eine Gehmeditation – auch dafür musst du nichts „können“. Gehe einfach sehr bewusst und seeehr langsam, jeden deiner Schritte auf dem Waldboden spürend einen Weg entlang, so lange wie du möchtest. Und wenn du eine Entdeckung am Wegesrand machst, dann darfst du natürlich auch stehenbleiben, schauen und staunen. Niemand schreibt dir vor, wie lange oder wie langsam du gehen „musst“.
  • Werde kreativ – nicht, weil du etwas gestalten möchtest, was am Ende „großartig aussieht“ oder gar „nützlich“ ist, sondern einfach, weil es dir Spaß macht, Waldmaterial zu sammeln und zu arrangieren. Verliere dich in deinem Tun, nicht im Ergebnis.

Ein wichtiger Tipp: Absichtslos in den Wald einzutauchen kann bedeuten, dass man Raum und Zeit vergisst. Das ist einerseits natürlich ganz wundervoll, andererseits kannst du dich dabei verlaufen, und gerade im Herbst und Winter kann dich die Dunkelheit überraschen. Zur Not stell‘ dir deinen Wecker auf dem Smartphone und nimm dir anfangs nur ein begrenztes Stück Wald vor, in dem du dich gut auskennst.

Absichtslos kann man auch im Park unterwegs sein. Ich gebe zu, mit vielen anderen Menschen drumherum ist es eine kleine Herausforderung. Probiere es einfach erst einmal für wenige Minuten


Das waren meine heutigen Gedanken zur Absichtslosigkeit – und ich bin gespannt, was du dazu sagst, wie deine Meinung dazu ist. Ich freue mich auf deine Kommentare.

Deine Annette


Zum Weiterlesen

Absichtslosigkeit im Zen

http://yudoblog-b.blogspot.com/2017/04/die-wahre-absichtslosigkeit-im.html

Ein Selbstversuch in Absichtslosigkeit (mit Ideen zum Ausprobieren)

https://visionautik.de/de/selbstversuche-der-absichtslosigkeit

Über WuWei – Handeln durch Nichthandeln

Schon im Daodejing, das um 500 v. Chr. entstand, geht es u.a. um „Handeln durch Nicht-Handeln“ („Wu wei“). Der Daoist handelt spontan und im Einklang mit der Natur, ohne intellektuelle Anstrengungen zu unternehmen oder sich der aktuellen Situation entgegenzustellen. Er hat kein Ziel im Kopf, für das er kämpft, sondern agiert rein intuitiv, indem er sich an die Umstände anpasst (mit dem natürlichen Lauf der Dinge geht).

Über das Paradoxon der Veränderung:

Die Bilder (außer dem Titelbild) sind von pixabay – danke 🙂

4 replies »

  1. Danke, liebe Annette, für diesen wichtigen Impuls. Ich erkläre das Paradox der Absichtslosigkeit meinen Teilnehmenden so: Natürlich haben wir eine grundsätzliche Absicht, wenn wir uns auf so etwas Ungewöhnliches wie Waldbaden einlassen. Beim konkreten Tun lassen wir diese Absicht aber in den Hintergrund treten, damit sich die besondere Qualität der Achtsamkeit im Wald entfalten kann.

    Aus meiner Sicht ist die Gesundheitswirkung des Waldbadens Fluch und Segen zugleich: Einerseits wecken die wissenschaftlichen Erkenntnisse das Interesse und überzeugen auch SkeptikerInnen vom Waldbaden. Andererseits fördern sie die Nutzenorientierung und können dadurch sogar die emotionale Distanz zur Natur vergrößern. Ein Dilemma, das auch Thema dieser Podcast-Folge ist:

    https://www.heldenstun.de/podcast/hs-108-die-bedeutung-der-natur-mit-sandra-knuemann

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    • Liebe Sandra, vielen Dank für deinen Kommentar und den Tipp mit der Podcast-Folge. Es liegt wohl an uns, wie wir das „Dilemma“ angehen. Waldbaden zumindest kann die Absichtslosigkeit fördern, einfacher als im Alltag, denke ich. Liebe Grüße 🙂

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  2. Und was mache ich jetzt, wenn ich doch ein Buch schreiben will? Mit Wu-Wei komme ich vielleicht nie an den Punkt sn dem das Buch fertig ist, weil so ein Buch eben doch eine Menge an Planung benötigt, was ja der Absichtslosigkeit diametral gegenüber steht. 😉

    Ich gebe zu, das Thema ist komplex, Absichtslosigkeit kann doch nicht bedeutetn, im Klein-Klein unter zu gehen.. Auflösen konnte ich dieses Paradox jedenfalls noch nicht.

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    • Lieber Raphael, vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, nicht so einfach. Natürlich braucht es einen Plan, um ein Buch zu schreiben. Aber Wu Wei heißt nicht, dass man „nichts“ tun soll. Wu Wei heißt, dass man nicht gegen seine Natur ankämpfen soll. Bei einem Buch wäre es vielleicht so zu erklären: man möchte unbedingt einen Krimi schreiben, weil man Krimis so toll findet. Allerdings stellt man irgendwann fest, dass man gar keinen Spannungsbogen aufbauen kann … dann wäre es gegen Wu Wei, wenn man doch „mit aller Gewalt“ und viel Planung dieses Buch schreibt. Es wird nie einen Erfolg haben. Vielleicht kann man sehr gut eine trockene Theorie vermitteln – dann sollte man es besser mit einem Sachbuch versuchen. Liebe Grüße Annette

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