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Raus ins Abenteuer – Waldbaden mit Menschen mit Demenz

De-menz – „ohne Geist“

– so lautet die wörtliche Übersetzung des Begriffs „Demenz“ aus dem Lateinischen.

Wesentliches Merkmal von Demenzerkrankungen ist der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit. Am Anfang der Krankheit stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit, in ihrem weiteren Verlauf verschwinden auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses, sodass die Betroffenen zunehmend die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlieren. Aber eine Demenz ist mehr als eine „einfache“ Gedächtnisstörung. Sie zieht das ganze Sein des Menschen in Mitleidenschaft: seine Wahrnehmung, sein Verhalten und sein Erleben.

Demenz ist zurzeit ein medizinisch kaum behandelbares und mit Vorurteilen und Ängsten besetztes Krankheitsbild. Während im Anfangsstadium einer Demenz noch eine weitgehend selbstständige Lebensführung möglich ist, erfordert eine fortgeschrittene Demenz einen hohen Aufwand an Betreuung und Pflege. Diese findet lange Zeit zu Hause von Angehörigen statt – und belastet den Alltag aller Beteiligten.

Deshalb ist es so wichtig, so oft wie möglich den Fokus auf das zu legen, was der zu Betreuende noch kann und nicht immerzu das Vergessen, das Pflegen, das Sorgen, die Angst vor der Zukunft in den Vordergrund zu stellen.

Waldbaden eröffnet eine wundervolle, leichte Möglichkeit für alle: für die, die betreuen und für die, die betreut werden. Draußen in der Natur kann derjenige, der betreut einfach mal durchatmen und der Mensch mit Demenz wird aller seiner Sinne wieder einmal bewusst. Er spürt „Erfolge“, die er so im Alltag einfach nicht mehr hat. Er kann nämlich sehr wohl noch fühlen, spüren, lauschen, riechen …. Doch diese Fähigkeiten verkümmern, wenn sie nicht genutzt werden.

Natürlich geht das auch zu Hause oder im Heim, doch was es dort zu fühlen gibt, ist kein Vergleich mit der „wilden Natur“.

Warum ist es so wichtig, überhaupt zu betonen, dass Menschen mit Demenz raus in die Natur müssen … es ist ja doch das Normalste der Welt. Oder?

Wir machen das ein Leben lang, nach draußen gehen … und diese Menschen haben es auch gemacht, vielleicht sogar noch viel häufiger und intensiver als wir es je tun werden.

Doch wo und wie leben Menschen mit Demenz nun?

Leben sie allein zu Hause, so sind sie den ganzen Tag drinnen. Vielleicht mal ein kleiner Spaziergang, wenn der Betreuer oder ein Angehöriger vorbeikommt. Doch meistens müssen dann andere, vermeintlich „wichtigere“ Sachen erledigt werden, als „einfach nur spazieren gehen“. Saubermachen, Finanzen regeln, Pflege, Arztbesuch …

Leben sie im Pflegeheim sieht es nicht besser aus. Auch hier ist das Thema Zeit ein großes Problem. Wenige Pflege- und Betreuungskräfte und viele Heimbewohner. Da bleibt keine Zeit für längere Waldbesuche.

Selbst, wenn es am Heim einen Garten gibt, können die demenziell betroffenen Bewohner oft nicht selbst entscheiden, ob sie hinaus können. Der Grund liegt meistens auf der Hand: es ist gerade zu gefährlich, zu kalt, zu nass, zu spät, zu früh …

So sind alte Menschen, egal ob zu Hause oder im Pflegeheim die meiste Zeit des Tages künstlichem Licht ausgesetzt.

Gehe einmal in dich – und überlege:

Welches Gefühl löst die Vorstellung in dir aus, dass du deine Wohnung nicht mehr dann verlassen kannst, wenn du möchtest – wenn du immer warten müsstest, bis jemand Zeit hat, mit dir nach draußen zu gehen …

Jane Gilliard und Mary Marshall beschreiben es eindrücklich:

Die Aussicht, nicht aus dem Haus gehen zu können, macht uns Angst, ebenso die Vorstellung, nur dann in den Garten zu dürfen, wenn das Wetter ideal ist und nie die Möglichkeit zu haben, Wind oder Regen im Gesicht zu spüren oder das Knirschen des Schnees unter den Füßen. Oder nie den Garten verlassen und in der freien Natur Orte aufsuchen zu dürfen, die uns guttun. Die Natur bietet uns eine Fülle multisensorischer Reize und Emotionen Wer wäre nicht in der Lage zu fühlen, wie der Regen über das Gesicht rinnt oder wahrzunehmen, wie die Erde riecht, wenn es anfängt zu regnen?“

(Zitiert aus „Naturgestützte Pflege für Menschen mit Demenz“)

Ganz klar: Menschen mit Demenz sind durchaus in der Lage, Natur zu genießen. Jedoch wird der Kontakt zur ursprünglichen Natur immer weniger. Denn auch das ist nochmal ein Unterschied: Garten oder „wilde Natur“ draußen.

Die Natur/der Wald ist nicht gezähmt. Wenn wir zwar auch im Garten die Jahreszeiten erleben können, so ist es im Wald doch nochmal viel abwechslungsreicher – jeden Tag gibt es hier Neues zu entdecken. Natürlich auch anspruchsvoller – deshalb muss man als Betreuer natürlich immer abwägen, ob ein Gang in den Wald, in den Park oder doch nur in den Garten sinnvoll ist und was man sich auch selbst zutraut. Insgesamt wäre es jedoch begrüßenswert, wenn hier ein Umdenken passieren und nicht immer die „Gefährlichkeit“ der Natur da draußen in die Waagschale geworfen würde.

Nur inmitten der Natur können wir das Gefühl, auch selbst ein Teil der Natur zu sein, voll und ganz ausleben. Mit ein bisschen Einfallsreichtum gelingt uns das auch, den Menschen mit Demenz solche Erlebnisse zu ermöglichen, zum Beispiel in der Nähe eines Wanderparkplatzes oder im Rollstuhl gut angezogen. Vielleicht bedarf es da einfach ein bisschen mehr Mut.

Die Prosenz-Hypothese von Garuth Chalfont (2011)

Dieses These finde ich sehr bedeutsam für unser Waldbaden mit Menschen mit Demenz:

Sie besagt nämlich:

Wenn eine Person mit einer anderen Person in der Natur interagiert, wird das Selbstwertgefühl des Menschen mit Demenz gestärkt und sein Wohlbefinden gefördert. Die Natur wird dabei als Auslöser zur Erleichterung der Interaktion und Kommunikation gesehen. Indem wir den Fokus auf etwas Drittes in der Natur (z.B. dem Pilze sammeln, dem Waldmärchen lauschen, dem Fühlen von Baumrinden …) legen, verstärkt es den Effekt, dass die Person mit Demenz besser kommunizieren und interagieren kann. Sie wird zudem ruhiger und gelassener.

Dabei können wir uns die natürliche Energie lebender Pflanzen zunutze machen. Wenn wir an unseren Platz in der Natur erinnert werden, sind wir mit dem Leben verbunden und tun auch unserer Seele etwas Gutes. So wie wir  das empfinden, so empfinden es auch Menschen mit Demenz … es macht keinen Unterschied.

Und dass es keinen Unterschied macht, macht das Waldbaden so wertvoll für beide Seite. Gemeinsames Erleben, bei dem die Defizite des Menschen mit Demenz nicht mehr zum Tragen kommen, sind ein Labsal für Betreuer und Betreute.

Waldbaden und das Licht – Zirkadianer Schrittmacher

Unsere biologische Uhr ist außerordentlich wichtig, damit wir gut schlafen können und über ausreichende Energie verfügen.

Bei Menschen mit Demenz kann man immer wieder feststellen, dass sie schlecht ein- und/oder durchschlafen können und dadurch tagsüber erschöpft sind und sich kognitive Probleme verstärken. Gerade Menschen mit Demenz werden abends oft besonders nervös und es kommt zu nächtlichen Aktivitäten (Herumwandern).

David Mc Nair („Naturgestützte Pflege von Menschen mit Demenz“, Seite 42 ff) erklärt, dass Aufenthalte in intensivem Morgenlicht sich besonders positiv auswirken, da die innere biologische Uhr (die zirkadianen Schrittmacher) trainiert werden – das verbessert den Schlaf, reduziert die Wachzeiten in der Nacht um bis zu 2 Stunden, verringert Verhaltensstörungen und verbessert sogar die Einschätzungen des Pflegepersonals in Pflegeeinrichtungen.

Empfehlungen gehen davon aus, dass dafür mindestens 5000 Lux/h nötig sind, um gewünschte Effekte zu erzielen, andere sprechen von 16000 Lux/h – ein Mittelwert wären 10000 Lux/h. Die Lichtintensität in geschlossenen Räumen beträgt dagegen meistens nicht mehr als 300 Lux.

o Aufenthalte im Freien

Draußen ist die Lichtintensität wesentlich höher als in Innenbereiche. Am späten Vormittag erreicht man das ganze Jahr über (also auch bei bewölktem Himmel) selten unter 15000 Lux. Schon eine Stunde täglich im Freien würde also schon genügen, um die biologische Uhr wieder „zu stellen“. Dieser Mechanismus erfolgt über Detektoren in den Augen, die das Licht registrieren und so die innere Uhr aktivieren. Diese reagieren mehr auf blaues (kurzwelliges) Licht als auf rotes. Der Blauanteil ist morgens größer.

o Morgenlicht

Viele Forscher weisen darauf hin, dass Aufenthalte im intensiven Licht der Morgensonne das häufige Auftreten der abendlichen Nervosität bei Menschen mit Demenz verringern. Das intensive Licht am Morgen hemmt die Produktion des schlaffördernden Hormons Melatonin und kurbelt die Produktion des aktivierenden Hormons Serotonin an, was wiederum einen normalen Schlaf begünstigt. Körperlicher Betätigung im Freien (auch leichte, wie beim Waldbaden) verbessert die Schlafqualität nochmals.

Für Betreuer von Menschen mit Demenz kann das nur heißen:

Raus ins Tageslicht … am besten schon gleich morgens.

Die Betreuung am Abend wird dadurch erleichtert.

Virenkiller Sonnenlicht.

Die Sonne hat dabei nochmal einen ganz besondere Wirkung. Man hat festgestellt, dass Sonnenlicht bestimmte Bakterien abtötet und dass der stärkere Luftstrom draußen dafür sorgt, dass Grippeviren sich nicht so gut ausbreiten können wie im Innenbereich.

( https://readersdigest.de/de/gesundheit/medizin-news/item/sonnenlicht-toetet-keime-ab-selbst-in-raeumen )

Auf die Thematik des Vitamins D gehe ich hier nicht näher ein, da sie sehr umfassend ist. Fest steht jedoch, dass wir zur Bildung von Vitamin D auch das Sonnenlicht benötigen.

Julius Langbehn:

Mit den Menschen ist es wie mit den Blumen - sie brauchen nicht nur Wasser, sondern auch Sonne. 
Kreativität

Kreatives Gestalten fördert u.a. kognitive, motorische, soziale und kommunikative Fähigkeiten sowie die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein. Der Wald hat ein riesiges kreatives Potential. Er bietet viele Facetten, die unsere Persönlichkeit offenbaren und uns zu dem Mensch machen, der wir sind. Menschen, die keinen Zugang mehr dazu haben, verlieren damit einen großen Teil ihres Selbst. Kreativität bedeutet immer auch Wachstum und Abenteuer. Dies sollten wir, sofern es irgendwie möglich ist, auch Menschen mit Demenz (wieder) ermöglichen.

Alles, was hier draußen geschaffen wird, kann dann auch noch das zu Hause oder das Zimmer des Pflegeheims schmücken und Erinnerungen schaffen.

Doch manchmal ist es nicht der Wald …

Der Wald wird allerdings nicht immer positiv wahrgenommen. Jeder ältere Mensch bringt persönliche Erinnerungen aus Kindheit oder Jugend mit – vielleicht auch noch Erfahrungen im Zusammenhang mit Kriegserlebnissen, die den Wald und den Aufenthalt darin nicht nur angenehm erscheinen lassen. Der „finstere“ Wald (Tannen, Fichten, viele Sträucher, Dunkelheit) kann deshalb vor allem bei älteren Menschen auch Unbehagen hervorrufen. Besonders ältere Frauen gehen daher vielleicht nicht gerne in den Wald.

Hier heißt es, sich in die Situation des Menschen hineinzuversetzen …. und dann doch besser den Garten oder den Park wählen.

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Das eigene Parfüm herstellen – oder „Der Duft des Waldes“

Man nehme ein kleines Glas (Marmeladenglas) mit in den Wald.

Dort sammelt man gemeinsam Material des Waldes (Zapfen, Borke, Nadeln…), die in das Glas gesteckt werden.

Am Ende kommt der Deckel darauf und man hat seinen eigenen „Waldduft“ kreiert.

Das Glas kann man dann zu Hause noch verschönern oder beschriften.

Und man kann den Duft immer wieder für Aktivitäten nutzen.

Tipp: wenn das Material schön trocken ist, hält der Duft „ewig“. Bei feuchtem Material wird es leicht muffig.

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Das Erleben der Jahreszeiten hilft auch uns …

Wir können an der Krankheit Demenz selbst nicht viel verändern, jedoch unsere Einstellung gegenüber Demenz und unseren Umgang mit ihr.

Unsere Beziehung zur Natur und zum Wechsel der Jahreszeiten ist oft emotional. Die Jahreszeiten sind ein immerwährender, nie endender Kreislauf, den wir bewusst wahrnehmen und beobachten können. Sie machen uns bewusst, dass Wandel ein universelles Prinzip ist. Vielleicht hilft uns das auch, den Blick auf Demenz zu verändern und es damit zu schaffen, dass Menschen mit Demenz in unserem Umfeld so gut wie möglich leben können.

Menschen mit Demenz gehören in die Mitte der Gesellschaft.

Vielleicht schaffen wir eine wundervolle gemeinsame Ebene, da Menschen mit Demenz die Natur genau wie wir erleben können.

Unser Vater wird wieder zu dem Menschen, den wir lieben und immer so geliebt haben und verlässt wenigstens für einige Zeit die Rolle des Fremden, der er für uns geworden ist. Und je mehr solcher gemeinsamen Augenblicke unsere Tage bereichern, desto besser können wir uns mit dieser Krankheit, die uns so unendlich viele Fragen stellt, arrangieren.

Ein paar Tipps zum Abschluss, auf was du achten solltest, wenn du mit einem Menschen mit Demenz nach draußen zum Waldbaden gehst.

  • Du solltest den Wald sehr gut kennen, insbesondere auch eventuelle Gefahrenstellen.
  • Der Wald sollte hell und übersichtlich sein und gut erreichbar.
  • Nach Möglichkeit sollten Bänke zum Sitzen vorhanden sein.
  • Bänke oder (andere Sitzmöglichkeiten) solltest du vorher auf Tauglichkeit prüfen.
  • Auch eine Sitzunterlage nicht vergessen.
  • Barrierefreiheit ist sinnvoll, wenn deine zu betreuende Person im Rollstuhl sitzt oder mit dem Rollator unterwegs ist.
  • An die Toilettenpause denken.
  • Den aktuellen Gesundheitszustand gut kennen.
  • Wohltemperiertes Wetter ist sicher erst einmal optimal, jedoch sollte man auch „ungemütliches“ Wetter in Betracht ziehen. Dann mit entsprechender Vorsorge für Kleidung und nicht zu lang unterwegs sein. Jedoch ist es toll, wenn Menschen mit Demenz auch wieder einmal den Regen, den Wind oder den Schnee spüren dürfen.
  • Auf Schattenplätze im Sommer achten.
  • Morgens ist ein Besuch in der Natur prima wegen des größeren Blauanteils im Licht.
  • Dämmerung kann Ängste auslösen.
  • Falls der Menschen mit Demenz bereits im Pflegeheim wohnt, sollten sie dort Bescheid wissen, wohin dein Ausflug geht und wie lange er dauern wird, und nimm die Notfall-Kontaktnummer des Pflegeheims mit.
  • Etwas zu essen und zu trinken dabeihaben – nicht nur, weil ein Picknick Spaß macht.

Und dann: viel Freude und neue Erfahrungen im Wald

Mein Herzensthema unterrichte ich auch in verschiedenen Formaten.

Eine ganze Woche zum Beispiel als Bildungsurlaub hier:

Shinrin Yoku – Waldbaden, Gesundheitsvorsorge für Pflegende von Menschen mit Demenz

Ich bin zudem Demenz-Partner und gebe kostenfreie Seminare für Angehörige.

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Bücher-Empfehlung:

Naturgestützte Therapie. Tier- und pflanzengestützte Therapien für Menschen mit einer Demenz ­planen, gestalten und ausführen, Garuth Chalfont, Huber, Bern

Naturgestützte Pflege von Menschen mit Demenz: Natürliche Umgebungen für die Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz nutzen, Jane Gilliard, Mary Marshall, Heide Börger, Hogrefe AG

1 reply »

  1. Hallo liebe Annette,
    mit Deinem neuen Blog sprichst Du sicher nicht nur mir aus der Seele. Danke das Du uns ermutigst und daran erinnerst, wie wertvoll gemeinsames Erleben im Draußen in allen Alters und Lebensphasen ist.
    Manchmal sieht man eben doch den Wald vor lauter Bäumen nicht.
    Deine Inhalte sind immer wieder neu bereichernd und sehr wertvoll.
    Ich freu mich immer wieder neu darauf.
    LG Steffi

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